Die Freie und Hansestadt Hamburg ist über jahrhundertelange Beziehungen mit dem Umland verflochten. Dieser Artikel beleuchtet v. a. die historischen Verbindungen, Kooperationen, Konflikte sowie mehrere wechselseitige Gebietsabtretungen zwischen Hamburg und Stormarn.
Historischer Grenzstein zwischen Hamburg-Volksdorf und Ahrensburg, 1979
Lage
Der Stadtstaat Hamburg grenzt im Norden an den Kreis Segeberg, im Osten an die Kreise Stormarn und Herzogtum Lauenburg, im Süden an den Landkreis Harburg sowie den Landkreis Stade, im Westen an den Kreis Pinneberg.
Hamburg wird in Ost-West-Richtung von der Elbe durchquert, die außerhalb der Hansestadt die Grenze zwischen Schleswig-Holstein im Norden und Niedersachsen im Süden bildet.
In Nord-Süd-Richtung durchfließt die Alster die Stadt auf ihrem Weg in die Elbe. Bei Reinbek tritt die Bille ins Stadtgebiet, bei Stapelfeld die Wandse.
Wandmosaik, das die Lage Stormarns zwischen Hamburg und Lübeck thematisiert, ca. 1985
Geschichte
Das ca. seit dem 7. Jh. von Sachsen besiedelte Gebiet am Schnittpunkt von Alsterniederung und Geesthöhen erhielt im 8. Jh. mit der Hammaburg eine erste Befestigung, der zum Wasser hin eine Siedlung vorgelagert war. Um 810 gelangten Burg und Ansiedlung vorübergehend unter die Oberhoheit der fränkischen Karolinger. In den 830er-Jahren erfolgte die Gründung eines Erzbistums. Um 900 wurde die Hammaburg ausgebaut, die Siedlung wuchs zum Fernhandelsplatz an.
Das sächsische Adelsgeschlecht der Billunger, das ab 966 als Statthalter im Gau Stormarn fungierte, ließ ab ca. 1021 die Neue Burg errichten. Mit Adolf I., der um 1110 Holstein und Stormarn als Lehen erhielt, kam der zentrale Ort unter die Herrschaft der Schauenburger. Adolf III. von Holstein gründete 1188 die damalige Neustadt und legte einen neuen Hafen an. Dabei profitierte Hamburg vom Privileg der Zollfreiheit bis zur Elbmündung sowie der Handelsfreiheit in der Grafschaft Holstein.
Ab 1201 unter Besatzung Dänemarks, erlangte Adolf IV. von Holstein-Schauenburg 1227 die Kontrolle über Hamburg, Holstein, Stormarn und Wagrien zurück und übernahm 1228 die bischöfliche Altstadt.
13.–15. Jahrhundert – Zunehmende Selbstständigkeit der Stadt unter dem Rat
Im Zuge intensivierter europäischer Handelsbeziehungen und des Zusammenschlusses zur Hanse ging Hamburg 1241 mit Lübeck einen Vertrag zur Sicherung der Nordsee-Ostsee-Straße (Elbe-Trave-Weg) ein. Nach Übergriffen des Adels um 1330 auf Händler im Raum Stormarn gewährleisteten die Grafen von Holstein dort die Sicherheit. Im Mittelalter war Hamburg zudem über den späteren Ochsenweg bei Harksheide mit der cimbrischen Halbinsel verbunden sowie über Schiffbek, Glinde und Trittau mit dem Fernweg Richtung Mecklenburg.
1337–1355 lag der Rat Hamburgs in Fehde mit dem Domkapitel, wobei dessen Stormarner Dörfer überfallen wurden.
Ab Mitte des 13. Jh. erwarb der Rat von den Grafen von Holstein sukzessive Dörfer am Alsterlauf. Im 14. Jh. kamen Gebiete an Elbe und Bille hinzu, im 15. Jh. die Walddörfer sowie ein Teil von Hoisbüttel.
16.–18. Jahrhundert – Ausbau der Verkehrswege und wirtschaftlichen Beziehungen mit dem Umland
Hamburg stand in engen wirtschaftlichen Verbindungen mit dem Umland, bezog z. B. über die Alster und kurzzeitig über den Alster-Beste-Kanal Holz, Kalk und Torf. Das 17. Jh. war die Blütezeit der Kupfer- und Messingmühlen in Stormarn wie in Glinde, Grönwohld und Rohlfshagen, die oft von Hamburger Familien wie den Amsincks betrieben wurden. Ziegeleien wie in Boberg, Lemsahl-Mellingstedt, Sande, Steinbek, Trittau und Wulksfelde produzierten verstärkt für Hamburg.
1750 erhielt Hamburg durch Vergabe eines Darlehens an Dänemark mehrere Dörfer in den landesherrlichen Ämtern Reinbek und Trittau als Pfand. Im Rahmen des Gottorper Vertrags 1768, mit dem Dänemark Hamburgs jahrhundertelang umstrittene Stellung als Freie Reichsstadt anerkannte, musste die Stadt diese Ortschaften zurückgeben.
Das Umland mit Wandsbek und Marienthal erweckte ab dem späten 18. Jh. zunehmend das Interesse begüterter Hamburger. Es entstanden Sommersitze, Landhäuser und Parks.
Meilenstein von 1843 an der Ahrensburger Straße in Hamburg, der ehemaligen Hamburg-Lübecker Chaussee, 1979
19. Jahrhundert – Industrialisierung und Infrastrukturmaßnahmen
1806–1814 stand Hamburg unter Besatzung französischer, kurzzeitig auch russischer Truppen. 1811/12 diente das Herrenhaus Wandsbek als Residenz des französischen Marschalls Louis-Nicolas Davout.
1839/40 entstand ein Konflikt mit dem Herzogtum Holstein, das trotz geltender Zollfreiheit für den Transit nach Lübeck sowie rund um die Walddörfer Zoll erhob, mit Zollstellen z. B. in Bramfeld, Dwerkaten und Reinbek.
Zunehmend siedelten sich im benachbarten Wandsbek Hamburger Betriebe der Textilverarbeitung an, sodass der Ort zum Flecken heranwuchs.
Nach Bildung des Kreises Stormarn 1867 als Teil Preußens war Hamburg weiterhin von Zollausland umgeben. Das Hauptzollamt befand sich in Wandsbek. Bis 1888 vollzog sich sukzessive der Zollanschluss Hamburgs.
Die Einführung der preußischen Gewerbefreiheit 1867 führte im Hamburger Umland zu einem Industrialisierungsschub. Insbesondere die südlichen Gemeinden Stormarns wie Lohbrügge, Sande und Schiffbek entwickelten sich zu Arbeiterquartieren mit immensem Bevölkerungszuwachs.
20. Jahrhundert – Abstimmungsprozesse mit dem Umland
Um 1900 bezog Hamburg weiterhin einen Teil seiner Nahrungsmittel aus dem Umland, z. B. von den Meiereien in Trittau sowie den Gütern Glinde und Hohenbuchen in Poppenbüttel.
Im Ersten Weltkrieg bildete Hamburg mit manchen Randkreisen und -gemeinden wie Bramfeld, Sande und Wellingsbüttel ein zusammenhängendes Wirtschaftsgebiet zur Lebensmittelverteilung.
1928 gründeten die Hamburger Wasserwerke mit dem Kreis Stormarn und Wandsbek die Wasserwerke Hamburg Ost GmbH zur Versorgung der Walddörfer, Wandsbeks sowie des südlichen Stormarn. 1933 entstand das Wasserwerk Großhansdorf.
Nach der Weltwirtschaftskrise Ende der 1920er-Jahre zogen vermehrt Arbeitslose ins Umland, z. B. nach Bramfeld, Reinbek, Schiffbek und Ahrensburg. Probleme des ungeregelten Zuzugs wie Schul- und Straßenbaukosten sowie Ausgaben der Wohlfahrtsfürsorge waren auch Thema des 1928 etablierten Hamburgisch-Preußischen Landesplanungsausschusses. Ab 1934 beteiligte sich Hamburg an derartigen Kosten. Ab 1933 entstand für Hamburger Zuzügler u. a. die Ahrensburger Siedlung Am Hagen.
Im Zuge der Machtübernahme der Nationalsozialisten ließ Hamburg in Glashütte das KZ Wittmoor für inhaftierte Regimegegner errichten. Der Oberlandesgerichtsrat Arthur Goldschmidt wurde mit einem Berufsverbot belegt.
1937 fand die Einweihung der zunächst nicht genutzten Autobahn Hamburg-Lübeck statt.
1937/38 trat das vom Hamburger NS-Gauleiter Karl Kaufmann unter Ausschluss betroffener Kreise ausgehandelte Groß-Hamburg-Gesetz in Kraft. Dadurch vergrößerte Hamburg durch Eingemeindungen u. a. von zwölf Stormarner Gemeinden seine Fläche um 80 %, Stormarn verlor 14,1 %. In diesen Gebietsänderungen gründete u. a. der jahrelange Prozess der Kreissparkasse Stormarn gegen Hamburger Sparkassen.
Nach den Bombenangriffen auf Hamburg im Sommer 1943 flüchteten Hunderttausende ins Umland, ca. 480.000 wurden über Bad Oldesloe weiter verteilt, über 23.000 nahm der Kreis Stormarn als Butenhamburger auf. Die in Wandsbek ansässige Kreisverwaltung Stormarn samt dem Hauptsitz der Kreissparkasse zog wegen Ausbombung nach Ahrensburg, Bargteheide und Bad Oldesloe.
Bei der von den Nationalsozialisten eingeleiteten Räumung des Konzentrationslagers Neuengamme – dem größten im Nordwesten Deutschlands – führten ab April 1945 „Todesmärsche“ durch Stormarn.
Nach kampfloser Übergabe am 03.05.1945 stand Hamburg, ebenso wie Stormarn, unter britischer Militärregierung. Die Nachkriegszeit war geprägt von Lebensmittelknappheit und Wohnungsnot.
Zur besseren Zusammenarbeit gründete sich 1955 der Gemeinsame Landesplanungsrat Hamburg Schleswig-Holstein. Das bereits 1917 vom Hamburger Oberbaudirektor Fritz Schumacher entwickelte Achsenkonzept zur Raumplanung gelangte zur Ausarbeitung und Umsetzung.
Da z. B. das Billetal, die Stormarner Schweiz und der Bredenbeker Teich beliebte Orte der Freizeitgestaltung für Hamburger waren, rief Hamburg u. a. gemeinsam mit dem Kreis Stormarn 1972 den Verein Naherholung im Hamburger Umland e. V. ins Leben.
Nachdem 1966 bereits hamburgnahe Teile Stormarns in den Hamburger Verkehrsverbund (HVV) eingegliedert worden waren, erfolgte dies 2002 für den gesamten Kreis.
Auf Basis des 1991 verabschiedeten Regionalen Entwicklungskonzepts (REK) bildeten Hamburg und Teile von Niedersachsen und Schleswig-Holstein 1995 zur Zusammenarbeit u. a. in den Bereichen Wirtschaft, Verkehr und Tourismus die Metropolregion Hamburg, die seitdem mehrfach erweitert wurde.
In wirtschaftlichen Belangen sind die Stadt Hamburg und der Kreis Stormarn eng verbunden. Hamburger Auspendler machen in Stormarn 22,9 % der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten aus, während 41,8 % der Stormarner Arbeitnehmer in die Hansestadt pendeln (Stand Juni 2024).
In Hamburg-Rahlstedt und Stapelfeld besteht seit 2018 der länderübergreifende Gewerbepark Minerva Park / Victoria Park.
Wasserwerk der Hamburger Wasserwerke in Großhansdorf, 1972
Infrastruktur
Die Stadt Hamburg ist in Richtung Stormarn über mehrere Autobahnen und Bundesstraßen wie die Bundesautobahnen A1 und A24 sowie die Bundesstraße 432 / 75 an das Fernstraßennetz angebunden. Regional- und Fernbahnverbindungen bieten z. B. die Bahnstrecken Hamburg-Berlin und Hamburg-Lübeck. Im Nahverkehr reichen z. B. die U-Bahnlinie 1 bis Großhansdorf sowie die S-Bahnlinie 7 bis Reinbek. Bis 2029 ist die Ausweitung des S-Bahnnetzes nach Ahrensburg und Bad Oldesloe geplant.
Die Hamburger Wasserwerke GmbH betreibt 17 Anlagen zur Trinkwassergewinnung, darunter die Wasserwerke Glinde, Großensee und Großhansdorf. Ihr Versorgungsgebiet reicht über die Stadtgrenzen hinaus, z. B. beliefert sie Braak und Reinbek mit Trinkwasser und übernimmt in Barsbüttel und Siek die Abwasserentsorgung.
Die 1979 in Betrieb genommene länderübergreifende Müllverbrennungsanlage Stapelfeld, die für Hamburg sowie die Kreise Stormarn und Herzogtum Lauenburg zuständig war und auch Strom und Fernwärme produzierte, erhält derzeit einen effizienteren Ersatzneubau.
Die Kirchenkreise der Evangelisch-Lutherischen Nordkirche im Sprengel Hamburg und Lübeck reichen bis ins schleswig-holsteinische Umland. Zum Kirchenkreis Hamburg-Ost gehören zahlreiche Gemeinden im Süden Stormarns. Das Erzbistum Hamburg betreut in der Region Schleswig-Holstein die katholischen Pfarreien Stormarns.
Das Staatsarchiv Hamburg (StAHH) verwaltet Schriftgut früherer Stormarner Gebiete, z. B. des Adligen Guts Wandsbek und der im Zuge des Groß-Hamburg-Gesetzes eingemeindeten Orte.
Krieger, Martin
: Kleine Geschichte Hamburgs.
München,
Beck
2014,
GVK: 77150439X
Kleßmann, Eckart
: Geschichte der Stadt Hamburg.
Hamburg,
Die Hanse
2002,
GVK: 862589371
Schmidt, Karlheinz
: Vor 160 Jahren der Zollstreit zwischen Dänemark und den Hansestädten Hamburg und Lübeck wegen der "Straße des Welthandels" durch Stormarn.
1999,
In: Jahrbuch für den Kreis Stormarn ..., Großhansdorf: ProFunda-Verl., 1983, (2000), Seite 6-38,
GVK: 358445701
Kummereincke, Sven
: Geschichte Hamburgs von der Hammaburg zur HafenCity.
Hamburg,
Ellert & Richter Verlag
,
GVK: 1743864779
Gretzschel, Matthias
: Hamburg kleine Stadtgeschichte.
Regensburg,
Verlag Friedrich Pustet
2016,
GVK: 846159651