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Schleswig-Holsteinische Erhebung in Stormarn

Während der Auseinandersetzung der deutschen Nationalbewegung in den Herzogtümern Schleswig und Holstein mit der dänischen Gesamtstaatsregierung 1848-1851 diente Stormarn als Durchmarschgebiet. Die Schleswig-Holsteinische Erhebung förderte die Ausbildung eines nationalliberalen Bewusstseins in der Bevölkerung.

Ursachen und Vorgeschichte

Ab 1773 war das gesamte spätere Kreisgebiet Stormarns, mit Ausnahme der Hamburger Exklave Großhansdorf, als Teil des Herzogtums Holstein mit dem Königreich Dänemark und dessen überseeischen Besitzungen im dänischen Gesamtstaat verbunden. Mit Beginn der 1830er-Jahre erstarkte im ganzen Gesamtstaat eine Reform- und Verfassungsbewegung, die allerdings national gespalten war. Die dänischen Nationalliberalen strebten die Eingliederung Schleswigs in das Königreich Dänemark an. Unter dem Schlagwort „Up ewig ungedeelt!“ forderten die nationalliberalen Schleswig-Holsteiner hingegen, dass beide Herzogtümer vereint einem zukünftigen deutschen Nationalstaat angehören sollten.

In Stormarn neigte der Adel weiterhin der alten Gesamtstaatsidee zu, darunter der Nütschauer Gutsherr Carl von Moltke. Dieser hatte ab 1846 die Leitung der Schleswig-Holstein-Lauenburgischen Kanzlei in Kopenhagen inne, von der aus die Herzogtümer regiert wurden. Im Bürgertum verbreiteten sich dagegen die Ideen der schleswig-holsteinischen Bewegung. Zwei ihrer Wortführer waren der Oldesloer Zeitungsverleger Julius Schüthe und sein Ahrensburger Redakteur Edward Coch, deren Oldesloer Wochenblatt sich entgegen den Zensurbestimmungen klar auf schleswig-holsteinischer Seite positionierte.

Verlauf und Akteure

Im März 1848 eskalierten die Spannungen im dänischen Gesamtstaat vor dem Hintergrund der Revolution in Frankreich. In Kiel formierte sich am 24.03.1848 eine Provisorische Regierung Schleswig-Holsteins, die den Anschluss der nun vereinigten Herzogtümer an die „Einheits- und Freiheitsbestrebungen Deutschlands“ verkündete. Eine bewaffnete Auseinandersetzung mit der dänischen Regierung war die Folge. Nach der Niederlage der neugegründeten Schleswig-Holsteinischen Armee bei Bau nahe Flensburg griffen Truppen des Deutschen Bundes unter der Führung Preußens in den Konflikt ein. Im Eiltempo verabschiedete die Provisorische Regierung zur gleichen Zeit liberale Reformen und organisierte erste Wahlen. Mit dem Staatsgrundgesetz vom 15.09.1848 galten in den Herzogtümern zum ersten Mal demokratische Grundrechte.

In Stormarn entfachten diese Ereignisse große Begeisterung. Viele junge Freiwillige traten in die neugegründeten Freikorps oder die Schleswig-Holsteinische Armee ein. Zusätzlich wurde die Volksbewaffnung eingeführt. Mit der Intervention der deutschen Bundestruppen wurde Stormarn zum Durchmarschgebiet. In Oldesloe und Reinfeld nahmen preußische und mecklenburgische Truppen Quartier. Viele dänische Beamte in Stormarn, darunter der Oberinspektor der Oldesloer Saline Friedrich Christian Kabell, verließen hingegen ihre Posten und kehrten nach Dänemark zurück. In der allgemeinen Unruhe kam es Ende März in Reinbek zu Ausschreitungen Bergedorfer Tagelöhner.

Die Stormarner Gutsbesitzer reagierten unterschiedlich auf den Ausbruch der Erhebung. Ernst von Schimmelmann, Eigentümer des Gutes Ahrensburg, floh mit seiner Familie nach Sachsen. Carl von Moltke überschrieb seinem Sohn nach öffentlichem Druck das Gut Nütschau und verblieb auf seinem Posten in Kopenhagen. Einzig Theodor von Reventlow, seit 1840 Besitzer der Güter Jersbek und Stegen, blieb im Land. Als Parlamentarier und kurzzeitiger Regierungspräsident versuchte er, einen konservativen Einfluss auf die Erhebung zu nehmen.

Zweimal erzwangen die Großmächte Russland, Frankreich und Großbritannien einen Waffenstillstand und den Abzug der Bundestruppen, wobei Stormarn als Durchmarschgebiet diente. Beide Male bezogen aus Schleswig abgezogene Bataillone der Schleswig-Holsteinischen Armee in Oldesloe und Reinfeld unter Beifall der Bevölkerung Quartier. Auch das Oldesloer Wochenblatt sprach sich vehement für die Wiederaufnahme der Kampfhandlungen und für die Errichtung einer Republik in Schleswig-Holstein aus. In der Nacht 30./31.07.1849 kam es in Oldesloe zu Ausschreitungen gegen den Bürgermeister Hans Friedrich Karl von Colditz, nachdem dieser einige Bürger aus intransparenten Gründen vom Wehrdienst zurückgestellt hatte.

Nach der vernichtenden Niederlage der Schleswig-Holsteinischen Armee bei Idstedt nahe Schleswig zog sich diese nach Holstein zurück. Am 29.11.1850 wandten sich schließlich Preußen und Österreich gegen die Erhebung. Ursprüngliche Pläne des schleswig-holsteinischen Oberkommandos, in Stormarn hinter Trave und Beste eine Verteidigungsstellung zu errichten, wurden am 07.01.1851 als unrealistisch verworfen. Es kam zur Auflösung der in beiden Orten einquartierten Truppenteile der Schleswig-Holsteinischen Armee und der Versteigerung ihrer Ausstattung an die Bevölkerung. Somit konnten Anfang März österreichische Truppen ohne Widerstand in Stormarn einrücken und in Oldesloe und Wandsbek Quartier beziehen. Mit Unterstützung Preußens und Österreichs war dadurch die dänische Herrschaft in den Herzogtümern wiederhergestellt.

Folgewirkungen und heutige Bedeutung

Trotz ihres Scheiterns markiert die Schleswig-Holsteinische Erhebung in Stormarn den Beginn eines tiefgreifenden politischen und gesellschaftlichen Umbruchs. Zwar kehrten mit der dänischen Herrschaft absolutistische Strukturen für die nächsten 13 Jahre zurück, doch das in der Erhebung entstandene liberale und nationale Bewusstsein blieb in der Bevölkerung lebendig. So legte die Erhebungszeit den ideellen Grundstein für Stormarns spätere Einbindung in den deutschen Nationalstaat.

Gedenkstein an die Schleswig-Holsteinische Erhebung bei der Peter-Paul-Kirche Bad Oldesloe, 1980

Besonderheiten

Vor der Peter-Paul-Kirche in Bad Oldesloe erinnert seit dem 50. Jahrestag 1898 ein Gedenkstein mit Jubiläumseiche an die Ereignisse der Schleswig-Holsteinischen Erhebung. Weitere Gedenksteine gibt es in zahlreichen Stormarner Gemeinden, oft mit der Inschrift Up ewig ungedeelt, einige verbunden mit der Pflanzung einer Doppeleiche.

Persönlichkeiten

Carl von Moltke GND: 117125156
Ernst von Schimmelmann GND: 1299410952
Julius Schüthe GND: 127972099
Theodor von Reventlow GND: 13911193X
Friedrich Christian Kabell
Hans Friedrich Karl von Colditz GND: 102356726

Literatur

  • Christian, Karsten : Das "Oldesloer Wochenblatt" und die Schleswig-Holstein-Frage die Berichterstattung in einer holsteinischen Regionalzeitung zwischen 1839 und 1870. Berlin, Lit-Verl. 2010, GVK: 629392838
  • Stolz, Gerd : Die schleswig-holsteinische Erhebung, die nationale Auseinandersetzung in und um Schleswig-Holstein von 1848/51. Husum, Husum Druck- und Verl.-Ges. 1996, GVK: 212645005
  • Bangert, Friedrich : Geschichte der Stadt und des Kirchspiels Bad Oldesloe. Hamburg, Christians 1976, GVK: 039111822
  • 400 Jahre Schloß und Kirche Ahrensburg, Grafen, Lehrer und Pastoren. Husum, Husum 1995, GVK: 18478185X
  • Rickert, Hans-Werner : Gut Nütschau, vom Rittersitz zum Benediktinerkloster; eine Chronik. Neumünster, Wachholtz 2007, GVK: 526525487

Weitere Literatur