Walddörferbahn

Als Walddörferbahn wird die Anbindung der Hamburger Walddörfer Farmsen, Berne, Volksdorf und Wohldorf-Ohlstedt sowie des heute zu Stormarn gehörenden Großhansdorf-Schmalenbeck an das Schienennetz der Hamburger Hochbahn bezeichnet.

Beschreibung

Die Walddörferbahn verläuft oberirdisch auf einer Gesamtlänge von rund 29 Kilometern. Sie beginnt als heutige U-Bahnlinie 3 am Bahnhof Barmbek in nordöstlicher Richtung. Ab dem Bahnhof Wandsbek-Gartenstadt wird sie Teil der heutigen U-Bahnlinie 1. Vom Bahnhof Volksdorf teilt sie sich in je eine Zweiglinie nach Ohlstedt und Großhansdorf. Einschließlich des am 09.12.2019 eröffneten U-Bahnhofs Oldenfelde liegen 18 Haltestellen an der Strecke.

Geschichte

Die Konzeption der Bahnlinien im Hamburger Nahverkehr wurde zu Beginn des 20. Jahrhunderts wesentlich durch die damaligen Stadtgrenzen bestimmt. Neben der verkehrlichen Erschließung seines Stammgebiets war Hamburg aus politischen Gründen sehr um eine Verbindung zu seinen nordöstlich gelegenen Exklaven bemüht. Ein erster Vorschlag für die Anbindung dieser Walddörfer wurde 1911 noch während der Bauarbeiten für die erste Ringbahnstrecke (heute U-Bahnlinie 3) von der Planabteilung des Senates vorgelegt. Nach langwierigen Verhandlungen mit dem Nachbarstaat Preußen, über dessen Territorium die Strecke verlief, verabschiedete die Hamburger Bürgerschaft am 23.02.1912 das Walddörferbahn-Projekt.

Die ersten Dammaufschüttungen sowie der Bau von Brücken und Unterführungen begannen kurz nach der Veröffentlichung des Staatsvertrags mit Preußen im Mai 1912. 1914 begann Hamburg mit den architektonischen Konstruktionen der Zugangsgebäude und Bahnsteige. Ein Großteil der Bauarbeiten wurde bis zum Beginn des Ersten Weltkrieges fertiggestellt. Die Stationsgebäude der Walddörferbahn gelten als Hauptwerk des Hamburger Architekten und Oberbaurats Eugen Göbel. Anschließend kam es kriegsbedingt zu erheblichen Verzögerungen. Dennoch gelang es während des Krieges, die Strecke zu komplettieren. Jedoch gab es weder eine elektrische Ausrüstung mit Stromschienen noch Triebwagen für den Fahrgastbetrieb. Erst mit zwei im Krieg erbeuteten belgischen Dampflokomotiven wurde die Walddörferbahn am 12.09.1918 provisorisch in Betrieb genommen. Wegen größerer Reparaturen an den Lokomotiven stellte die Hochbahn am 22.05.1919 den Betrieb zunächst wieder ein.

Im Weiteren erfolgte die Elektrifizierung der Strecke - zunächst zwischen Barmbek und Volksdorf, bis November 1921 auch auf dem Zweig nach Großhansdorf. Die Inbetriebnahme der Stationen Hopfenbach (seit 1952 Ahrensburg-Ost) und Kiekut dauerte jedoch noch bis zum 17.06.1922. Erst 1925 wurde auch der Zweig zwischen Volksdorf und Ohlstedt eröffnet.

Mit dem Groß-Hamburg-Gesetz gingen Großhansdorf und Schmalenbeck 1937 an die preußische Provinz Schleswig-Holstein über. Nach vorübergehender Stilllegung im Zweiten Weltkrieg wurde der Verkehr der Walddörferbahn bereits wenige Tage nach Kriegsende – wenn auch mit großen Einschränkungen – wieder aufgenommen. 1957 erfolgte der zweigleisige Ausbau der Zweiglinie Volksdorf-Großhansdorf bis zur Station Buchenkamp. Moderne, schnellere Wagen und eine modifizierte Streckenführung ermöglichten es ab 1962, die Fahrzeit in die Hamburger Innenstadt um vier Minuten zu verkürzen. 2019 betrug die Fahrzeit vom Hamburger Hauptbahnhof zur Endhaltestelle Ohlstedt 35 Minuten sowie 43 Minuten nach Großhansdorf.

Bedeutung

Für die Stormarner Gemeinden im nordöstlichen Hamburger Umland ist die Walddörferbahn bis heute ein wichtiger Bestandteil der Anbindung an Hamburg.

Nutzung

Im Jahr 2017 nutzten montags bis freitags durchschnittlich mehr als 20.000 Fahrgäste die sechs Stormarner Stationen sowie die Haltepunkte Ohlstedt, Buckhorn und Buchenkamp, die auf hamburgischem Gebiet liegen.

Erhaltungszustand

Seit Beginn der 2000er-Jahre sind die beiden Streckenzweige der Walddörferbahn einer grundlegenden Sanierung und Erneuerung der Bausubstanz unterzogen worden.

Beimoorweg: toter Bahndamm und davor Behelfsheim, 1970

Besonderheiten

Eine besondere verkehrshistorische Bedeutung erfuhr die Walddörferbahn während des Zweiten Weltkriegs und in der Nachkriegszeit. Sie ermöglichte vielen Ausgebombten und Flüchtlingen, in Stormarn zu wohnen und dennoch ihren Arbeitsplatz in Hamburg zu erreichen.

Der eigentlich als Endhaltestelle des Großhansdorfer Zweiges vorgesehene und bereits fertiggestellte Bahnhof Beimoor wurde nie in Betrieb genommen und ist inzwischen zum größten Teil verfallen.

Persönlichkeiten

Eugen Göbel

Bundesland

Schleswig-Holstein

Kreis/ Kreisfreie Städte

Freie und Hansestadt Hamburg, Kreis Stormarn

Auftraggeber

Senat der Freien und Hansestadt Hamburg

Planer/Architekt

Eugen Göbel (1875-1937), Hamburger Architekt und Baubeamter

Strukturansicht

Literatur

  • Heer, Anselm: ˜700œ [Siebenhundert] Jahre Grosshansdorf 1274 - 1974 ; Festschrift zur 700-Jahr-Feier. Grosshansdorf, Heimatverein Grosshansdorf-Schmalenbeck e.V. 1974, GVK: 790518139
  • Heinsohn, Ralf 1958-: Schnellbahnen in Hamburg die Geschichte von S-Bahn und U-Bahn ; 1907 - 2007. Norderstedt, Books on Demand GmbH 2006, GVK: 981045960

Weitere Literatur