Rowohlt-Verlag (Gebäude)

Die Gebäude des Rowohlt-Verlags in Reinbek sind typische Beispiele für die Architektur der 1950er- und 1960er-Jahre.

Luftaufnahme, ca. 1975

Außenarchitektur

Der Gebäudekomplex besteht aus zwei durch einen aufgeständerten und verglasten Gang verbundenen Bereichen. Der ältere, 1960 eingeweihte Abschnitt im Norden zeigt eine Folge eingeschossiger, weiß geschlämmter Flachbauten entlang und quer zu einer zentralen Achse, mit unterschiedlichen Dachformen und -neigungen von Flachdach bis Pultdach. Die Fensterrahmen sind aus Stahl, die Verglasung aus weißem Klar- und bläulichem Opalglas gefertigt. Nach außen zeigen sich weiße Baumwollmarkisen. Der Eingang wird durch einen quadratischen, sich nach oben verjüngenden Schornstein der Papierverbrennungsanlage markiert.

Der 1970 fertiggestellte südliche Teil ist ein aufgeständerter zweigeschossiger, rechteckiger Kubus mit kleinem Innenhof. Nach Süden kragt er leicht über das Billeufer aus. Der Boden ist hier mit Findlingen und Kies als Steingarten gestaltet, der zugleich als Regenrückhaltebecken dient. Die außen umlaufenden Galerien vor den bläulich schimmernden Fassaden kombinieren die Funktionen Fluchtweg, Balkon und Basis für Jalousien.

Charakteristisch ist die Einbindung mit dem natürlichen Gefälle des Grundstücks in die landschaftliche Umgebung des Billetals.

Innenarchitektur

Der Bauherr entschied sich für Einzelbüros an schmalen Mittelfluren und gegen die damals üblichen Großraumbüros. Der verglaste Haupteingang des älteren Teils öffnet sich nach dem Windfang zum lichtdurchfluteten Foyer. Entsprechend den Fassadenfarben sind auch im Innern die Farben Weiß, Schwarz und Blau eingesetzt. Der jüngere Bauabschnitt besitzt einen eingeschobenen Windfang.

Für die Inneneinrichtung griffen Verlag und Architekt auf Klassiker zurück: Möbel der Firma Knoll International, Stühle und Sessel von Thonet, Artemide-Lampen sowie String-Regale von Karin Nisse Stinning.

Flachbauten des ersten Bauabschnitts (Aufnahme von 1960)

Materialien

Der ältere Teil wurde in Beton- und Stahlbetonskelettbauweise mit innen liegenden Stahlstützen errichtet. Der jüngere Teil ist eine Stahlbeton- bzw. Stahlskelettkonstruktion mit einer vorgehängten Glas-Aluminium-Fassade. Für die Bodenbeläge wurden Linoleum und Naturstein verwendet.

Zeitungsartikel in den Lübecker Nachrichten, 1959

Geschichte

Der 1908 von Ernst Rowohlt in Leipzig gegründete Rowohlt-Verlag wurde nach dem Ersten Weltkrieg in Berlin und nach dem Zweiten Weltkrieg in Hamburg neu aufgebaut. Auf der Suche nach einem neuen Grundstück für den Verlag und den von seinem Sohn Heinrich Maria Ledig gegründeten Taschenbuchverlag verhandelte Rowohlt seit 1956 mit der Stadt Reinbek. Das direkt an der Bille gelegene, auch für eine zukünftige Erweiterung geeignete Grundstück in verkehrsgünstiger Lage war allerdings Teil eines Landschaftsschutzgebietes und musste daher aus dem Schutz entlassen werden. Mit Vertrag vom 09.12.1957 verpflichtete sich der Verlag zur Einpassung des Baus in die natürliche Umgebung, zur Offenhaltung eines an der Bille verlaufenden Wanderwegs und zur Erhaltung des alten Baumbestands.

Erste Entwürfe des Architekten Fritz Trautwein sahen noch ein mehrstöckiges Bürogebäude als Turmhaus vor, dann eine weniger stringente Anordnung der Bauten. Grundlagen waren immer die innerbetrieblichen Erfordernisse der Verlagsarbeit und Buchproduktion. Die Stadt Reinbek stimmte dem endgültigen Entwurf 1958 zu und im Mai 1960 erfolgte die Einweihnung. Es entstanden neben den Büros Bereiche für die Auslieferung und Lagerung von Büchern, ein Kantinen- und Küchenbereich sowie eine Hausmeisterwohnung. Bereits ein Jahrzehnt später wurde der Erweiterungsbau ebenfalls von Trautwein geplant und errichtet, jetzt als reiner Bürotrakt.

Bedeutung

Mit der Wahl von Fritz Trautwein, der eine Professur an der Hamburger Hochschule für bildende Künste innehatte und zuvor u. a. am Bau der Hamburger Grindelhochhäuser beteiligt war, bekundete Ernst Rowohlt sein Ziel, einen modernen und zugleich repräsentativen Bau zu errichten.

Beide Bauabschnitte entsprechen der Formensprache der Nachkriegsmoderne und gehen dabei auf die spezielle Funktionalität der Arbeitswelt im Rowohlt-Verlag ein. Hinzu kam die notwendige Einfügung der Bauten in die landschaftliche Umgebung.

Nutzung

Im März 2019 verlegte der Rowohlt-Verlag seinen Sitz in das Bieberhaus in der Nähe des Hamburger Hauptbahnhofs.

Für den Gebäudekomplex wird eine neue Nutzung gesucht.

Erhaltungszustand

Die Gebäude sind fast unverändert in ihrem Originalzustand erhalten.

Besonderheiten

Aus dem ehemaligen Raum des Verlegers Ledig-Rowohlt wurde ein Wandstück mit Unterschriften diverser Schriftsteller herausgestemmt; es soll einen Platz im neuen Verlagsgebäude erhalten.

Persönlichkeiten

Ernst Rowohlt GND: 118603493
Heinrich Maria Ledig-Rowohlt GND: 118570757
Fritz Trautwein GND: 12379269X

Datierung Schutzstellung

11.12.2003

Begründung Schutzstellung

Die Gesamtanlage ist aus geschichtlichen, künstlerischen und städtebaulichen Gründen schützenswert.

Links

Pressemeldung zur Eintragung des Gebäudes in das Denkmalschutzbuch: https://www.kreis-stormarn.de/aktuelles/pressemeldungen/2004/187.html (letzter Zugriff am 17.01.2020)

Website mit Informationen zur langjährigen Umzugsgeschichte des Rowohlt-Verlags: www.rowohlt.de/news/rowohlt-zieht-um/umzugsgeschichte (letzter Zugriff am 14.05.2020)

14 400
Rowohlt-Verlag (Gebäude) business 53.5103720000 10.2488710000

Ort

Hamburger Str. 17 sowie Völckers Park 11

21465 Reinbek

GPS-Standort

53° 30' 37'' N, 10° 14' 55'' O

Auftraggeber

Ernst Rowohlt, Rowohlt-Verlag

Planer/Architekt

Fritz Trautwein

Errichtungsdatum

zwei Bauabschnitte: 1959/60, 1968-1970

Literatur

  • Zwischen Scheibe und Wabe Verwaltungsbauten der Sechzigerjahre als Denkmale. Petersberg, Imhof 2012, GVK: 717206432
  • Architektur in Schleswig-Holstein seit 1945 200 Beispiele. Hamburg, Junius 1994, GVK: 148715419
  • Architektur in Schleswig-Holstein 1900 - 1980. Neumünster, Wachholtz 1980, GVK: 025269771
  • Hansen, Astrid: "Ein Bauhaus für Lolita" das Verlagsgebäude Rowohlts von Fritz Trautwein in Reinbek. In: DenkMal! Zeitschrift für Denkmalpflege in Schleswig-Holstein (2004), S. 50-57, GVK: 892103019

Weitere Literatur