Richard Kuöhl

Der Bildhauer, Bauplastiker, Keramiker und Entwerfer Richard Kuöhl wurde durch zahlreiche Werke vor allem in Hamburg und Stormarn sowie im weiteren norddeutschen Raum bekannt.

Ausbildung

Kuöhl absolvierte 1896-1900 eine handwerkliche Lehre als Kunsttöpfer in der Keramischen Modellfabrik für Porzellan, Öfen und Fliesen in Meißen. Anschließend war er in dieser Firma zwei Jahre als Angestellter tätig. 1902-1905 studierte Kuöhl an der Kunstgewerbeschule Dresden in der Modellierklasse des Bildhauers Karl Groß.

Beruflicher Werdegang

Nach seiner Ausbildung arbeitete Kuöhl 1905/06 als leitender Modelleur an der Bauchemischen Versuchsanstalt von Julius Bidtels Keramischer Fabrik Bidtelia in Meißen. Dort erprobte er neue technische Verfahren in der Bearbeitung von Ton und Terrakotten. Unter anderem entwarf er Spielzeugtiere, die dann von Dresdener und Meißener Kunsthandwerkstätten ausgeführt wurden.

1906 zog Kuöhl nach Berlin, wo er – ab nun freischaffend tätig – Objekte für die Werkstatt des Jugendstil-Keramikers Richard Mutz entwarf. Darüber hinaus erhielt er in seiner Berliner Zeit Aufträge von verschiedenen Architekten, darunter Albert Geßner, und Bildhauern, wie Hugo Lederer.

Seine nächste berufliche Station bildete ab 1912 Hamburg. Hier beauftragte ihn der Bau- und spätere Oberbaudirektor Fritz Schumacher, den er in Dresden kennengelernt hatte, 1912-1915 und ab 1919 mit der Ausführung von plastischem Schmuck für seine Staatsbauten. Während des Ersten Weltkriegs wurde Kuöhl als Kriegsgräber-Beirat hinter der Ost- und Westfront mit der Gestaltung von Gefallenendenkmälern und Soldatenfriedhöfen beauftragt.

In den 1920er-Jahren entwarf Kuöhl unter anderem Bauschmuck für die Bauten des Hamburger Kontorhausviertels, für die Kieler Kunst-Keramik AG arbeitete er als Entwerfer. 1938 erhielt er die Berechtigung zur Ausbildung von Lehrlingen in der Kunsttöpferei. Ab 1945 war Kuöhl meist für öffentliche Auftraggeber tätig.

Lebenslauf

Kuöhl wuchs in wirtschaftlich ärmlichen Verhältnissen in Vorbrücke (heute Meißen/Sachsen) auf. Sein Vater, ein Steinmetz, starb bereits früh. Am 01.08.1910 heiratete Richard Kuöhl die aus Berlin stammende Stickerin Gertrud Emma Clara Suckau. In seiner Hamburger Zeit lebte und arbeitete er größtenteils im Stadtteil Uhlenhorst - zunächst im Lerchenfeld, nach dem Ersten Weltkrieg im Schrötteringksweg. Sein Atelier verblieb zunächst im Lerchenfeld, bevor Kuöhl ab 1924 vorübergehend in der Straße Beim Schlump arbeitete.

1927 bezog er ein neues, räumlich großzügiges Atelier mit Mustersalon in der Uhlenhorster Osterbekstraße. Kuöhls Atelier wurde von den Architekten Friedrich Dyrssen und Peter Averhoff gestaltet. Sein Wohnsitz lag nun in der benachbarten damaligen Goethestraße (heute Grillparzerstraße).

1931 erwarb der Bildhauer als Sommersitz die sogenannte Schäferkate im Rohlfshagener Ortsteil Kupfermühle bei Bad Oldesloe. Am 03.08.1937 beantragte Kuöhl die Aufnahme in die NSDAP. Nach der Zerstörung seines Hamburger Ateliers durch die Bombenangriffe im Juli/August 1943 verlegte Kuöhl Wohn- und Arbeitssitz nach Kupfermühle. Zudem betrieb er eine Werkstatt im ehemaligen Gerichtsgefängnis von Bad Oldesloe. Nach dem Ende der NS-Diktatur wurde ihm wegen seiner Arbeiten für nationalsozialistische Auftraggeber die Aufnahme in den wiedergegründeten Berufsverband der Hamburgischen Künstlerschaft verweigert.

Richard Kuöhl bei der Arbeit an dem Sgrafitto "Schlittschuhläufer", 1956

Werk/Aktivitäten

Erstmals breiteren Kreisen bekannt wurde Kuöhl mit seinem farbigen Keramikbrunnen auf der Ausstellung des Deutschen Werkbundes in Köln 1914. In seiner Hamburger Zeit entstanden zahlreiche Bauplastiken. Neben den Arbeiten für Fritz Schumachers Staatsbauten – zum Beispiel die Finanzbehörde am Gänsemarkt, die Davidwache in St. Pauli und das Krematorium auf dem Ohlsdorfer Friedhof – lieferte er Werke unter anderem an dem von Fritz Höger entworfenen Chilehaus, am Pressehaus und dem Altstädter Hof im Kontorhausviertel. Im Stadtteil Neustadt schuf er den Hummelbrunnen, der an die Hamburger Symbolfigur des Wasserträgers Hans Hummel erinnert. Von Kuöhl stammen auch der Rattenfängerbrunnen in Barmbek und das Kriegerdenkmal in Langenhorn.

Für den Ohlsdorfer Friedhof entwarf Richard Kuöhl zahlreiche, teils figürliche Grabdenkmäler mit anmutigen Frauendarstellungen, so für die Familie des Kaufmanns und Mitbegründers des Kaffeeunternehmens Tchibo, Carl Tchilling-Hiryan, sowie für seine eigene Familiengrabstätte. Bei den Dampfern „Deutschland“ und „Hamburg“ der Reederei Hamburg-Amerikanische Packetfahrt-Actien-Gesellschaft (HAPAG) beteiligte er sich gestalterisch an der Innendekoration. Ab 1933 entstand zwischen Dammtorbahnhof und Stephansplatz als einer seiner monumentalen Hauptwerke das Ehrenmal für die Gefallenen des Hamburgischen Infanterie-Regiments Nr. 76, das sogenannte 76er-Denkmal. Zudem entwarf Kuöhl nationalsozialistische Hoheitszeichen.

In Bad Oldesloe schuf er beispielsweise folgende Werke: den von Friedrich Bölck gestifteten Gänselieslbrunnen vor dem Rathaus, die Figur des Jünglings vor der Stormarnhalle, die Gedenktafel an der Mennokate, Reliefs am Stormarnhaus, die Figur des Sämanns am Haus des Kreisbauernverbandes Stormarn. Außerdem entwarf er die figürliche Plastik der Trauernden als Ehrenmal für die Bombenopfer des Zweiten Weltkriegs auf dem Alten Friedhof und das Ehrenmal auf dem neuen Friedhof Bad Oldesloe. Daneben gestaltete Kuöhl in Stormarn unter anderem Ehrenmäler in Trittau und Großhansdorf sowie den figürlichen Schmuck am Eingang zur U-Bahnstation Ahrensburg-Ost und ein Sgrafitto in der Volksschule Bargteheide.

In Bremen entstanden Keramiken für das Kontorhaus der Wollkämmerei und Portalreliefs für das Reichspostamt, in Flensburg die figürlichen Köpfe für das Stationsgebäude des Bahnhofs, in Lübeck Klinkerkeramik am Kontorhaus des ehemaligen Handelshofes, in Wilster das Ehrenmal im Stadtpark, in Wilhelmshaven ein Marinedenkmal. Regimentsdenkmäler von Richard Kuöhl stehen – außer in Hamburg – in Rendsburg, Lübeck und Düsseldorf. In Coburg schuf er das Denkmal des Coburger Convents, also des Korporationsverbandes der akademischen Landsmannschaften und Turnerschaften an deutschen Hochschulen.

Richard Kuöhl war Mitglied im Deutschen Werkbund, in der Künstlervereinigung Hamburgische Sezession, im Hamburger Künstlerverein von 1832 und in der Hamburgischen Künstlerschaft. 1940 war er an der Großen Deutschen Kunstausstellung in München beteiligt.

Bedeutung

Der wirtschaftlich erfolgreiche Kuöhl zählte in Hamburg zu den populärsten zeitgenössischen Bildhauern und galt als führender Bauplastiker. In der Zeit der Weimarer Republik und des Nationalsozialismus hat er das Hamburger Stadtbild mitgeprägt.

Richard Kuöhl zeigte in seinen zahlreichen, fast seriell produzierten Arbeiten vielseitiges handwerkliches Können. Er passte sich dem jeweils herrschenden Kunstgeschmack und seinen Auftraggebern an. Zu seinem stilistischen Repertoire zählen naturalistische und expressionistische Figuren, Arbeiten im Bereich der Neuen Sachlichkeit und Werke im Sinn der nationalsozialistischen Kunstideologie. Sein Oeuvre reicht von Kleinkeramiken und –plastiken sowie Terrakottareliefs über figürliche Darstellungen und Brunnen bis hin zu zahlreichen, zunächst monumental-heroisierenden, nach dem Zweiten Weltkrieg christlich geprägten Kriegs- und Ehrenmälern.

Ehrenämter

1921 wurde Richard Kuöhl als Werkkünstler in den Künstlerrat der Hamburgischen Künstlerschaft gewählt, dem außerdem unter anderem die Maler Friedrich Ahlers-Hestermann, Arthur Illlies und Ernst Eitner sowie der Bildhauer Richard Luksch angehörten. 1931 wurde Kuöhl für zwei Jahre vom Hamburger Senat zum Mitglied des Baupflege-Beirates bestellt.

Ehrungen und Preise

1906 erhielt er auf der Dresdener Kunstgewerbeausstellung eine Silbermedaille für mustergültiges Holzspielzeug, das von den Deutschen Werkstätten Dresden-Hellerau vertrieben wurde.

Besonderheiten

In der öffentlichen Diskussion bekannt und umstritten ist Kuöhl durch sein 1936 in Hamburg eingeweihtes 76er-Denkmal, dessen Aufstellung vom Hamburger Senat am 19.09.1934 genehmigt worden war. Mit seinen marschierenden Soldaten und der Inschrift „Deutschland muß leben, auch wenn wir sterben müssen“ gilt es als kriegsverherrlichend im Sinn der nationalsozialistischen Auftraggeber. Direkt benachbart wurde im Auftrag des Hamburger Senats 1985/86 ein vom österreichischen Bildhauer Alfred Hrdlicka entworfenes Gegendenkmal errichtet.

Das Stormarnsche Dorfmuseum in Hoisdorf besitzt eine Sammlung kleinerer Arbeiten von Richard Kuöhl. 1998 widmete es dem Bildhauer eine Einzelausstellung.

Seit 2020 befindet sich im Kreisarchiv Stormarn ein Teil des persönlichen Nachlasses.

Persönlichkeiten

Karl Groß GND: 129434388
Richard Mutz GND: 121396908
Albert Geßner GND: 140135758
Hugo Lederer GND: 118919717
Fritz Schumacher GND: 118611585
Friedrich Dyrssen
Peter Averhoff
Fritz Höger GND: 118705474
Carl Tchilling-Hiryan
Friedrich Bölck GND: 1154584674
Friedrich Ahlers-Hestermann GND: 118501151
Arthur Illies GND: 118555464
Ernst Eitner GND: 116437715
Richard Luksch GND: 118575244
Alfred Hrdlicka GND: 118553925

Links

Website der Deutschen Digitalen Bibliothek mit Datensätzen aus dem Stormarnschen Dorfmuseum: https://www.deutsche-digitale-bibliothek.de/searchresults?query=Ku%C3%B6hl&thumbnail-filter=on&isThumbnailFiltered=true&offset=0&facetValues%5B%5D=provider_fct%3DStormarnsches%20Dorfmuseum (Zugriff am 23.02.2020)

Familienname

Kuöhl

vollständige Vornamen

Richard Emil

Rufname

Richard

Geburtsdatum

31.05.1880

Geburtsort

Vorbrücke (heute Meißen)

Sterbedatum

19.05.1961

Sterbeort

Bad Oldesloe

Begräbnisort

Friedhof Hamburg-Ohlsdorf

Geschlecht

männlich

Berufe

Bildhauer, Bauplastiker, Keramiker, Entwerfer

Ehe-/Lebenspartner

Gertrud Emma Clara Kuöhl, geb. Suckau (1886-1953)

Kinder

eine Tochter

Eltern

Gustav Alwin Kuöhl, Ernestine Klara Kuöhl, geb. Gebhardt

Literatur

  • Kuöhl, Richard: Richard Kuöhl. Berlin, Gebr. Mann Verlag , GVK: 238204766
  • De Gruyter allgemeines Künstlerlexikon : die bildenden Künstler aller Zeiten und Völker. Berlin [u.a.], de Gruyter 2014, GVK: 774837942
  • Christen, Adolf: Der Bildhauer Richard Kuöhl 1880-1961. In: Altstormarnsches Dorfleben: volkskundliche Einzelschilderungen ; mit Beiträgen von Mitarbeitern des Stormarnischen Dorfmuseums und der Zeitschrift "Der Thie", Neumünster: Wachholtz, (1982), S. 193-196, GVK: 1028415443
  • Plagemann, Volker 1938-2012: "Vaterstadt, Vaterland, schütz dich Gott mit starker Hand" Denkmäler in Hamburg. Hamburg, Christians 1986, GVK: 163368864X

Weitere Literatur