Nachkriegszeit in Stormarn

Als unmittelbare Nachkriegszeit werden die Jahre vom Ende des Zweiten Weltkriegs bis zur Gründung der Bundesrepublik Deutschland 1949 bezeichnet. In Stormarn war dieser Zeitraum von der britischen Militärregierung sowie vom Zustrom der Flüchtlinge, Vertriebenen und Butenhamburger und den damit verbundenen wirtschaftlichen und sozialen Problemen geprägt.

Verlauf und Akteure

Ab 03.05.1945 stand Stormarn unter der Verwaltung der britischen Militärregierung. Der NSDAP-Kreisleiter Erich Friedrich wurde abgesetzt, am 30.05.1945 interniert und später zu einer Gefängnisstrafe verurteilt. Auch die Vorgaben zur Neuordnung der politischen Strukturen im Sinn einer Demokratisierung kamen von der Militärregierung. Kommunalrechtlich führten die Briten die Zweigleisigkeit von politisch-ehrenamtlicher und verwaltungsmäßig-hauptamtlicher Leitung ein. Basis bildete hier die von der Militärregierung am 01.04.1946 erlassene Revidierte Deutsche Gemeindeordnung. In den Folgejahren kam es auf Kreisebene zu wechselnden Bezeichnungen der Spitzenämter von Landrat, Kreisdirektor und Oberkreisdirektor.

Der erste Kreistag nach dem Ende der NS-Diktatur tagte am 10.01.1946 in Bad Oldesloe und bestand aus Mitgliedern, die von der britischen Militärregierung ernannt worden waren. Die ersten freien Kommunalwahlen fanden am 15.09.1946 (Gemeinden) sowie am 13.10.1946 (Kreis) statt. Zu einer kommunalen Neuordnung kam es am 09.03.1948, als der Kreistag analog zur Verwaltungsreform in Schleswig-Holstein die Zusammenlegung der kreisangehörigen Gemeinden zu Ämtern beschloss. Am 22.10.1949 bestätigte er Bad Oldesloe, das bereits am 07.02.1946 zum vorläufigen Verwaltungssitz erklärt worden war, als neue Kreisstadt.

Unter den politischen Persönlichkeiten der Nachkriegszeit ragt Wilhelm Siegel hervor, der ab 30.10.1946 als Landrat amtierte und später überregionale Bedeutung gewann. Der langjährige Bad Oldesloer Bürgermeister Franz Wilhelm Kieling wurde nach einem mehrstufigen Entnazifizierungsverfahren am 01.12.1948 zum Kreisdirektor gewählt. Mit Erika Keck verzeichnete Ahrensburg – das 1949 Stadtrechte erhielt – die erste Frau als hauptamtliche Bürgermeisterin einer deutschen Stadt. Politische Konflikte gab es um Wilhelm Paasche, der wegen seiner nationalsozialistischen Vergangenheit 1946 aus dem Amt des Oberkreisdirektors entlassen wurde.

Für strukturelle soziale und wirtschaftliche Probleme sorgte, dass Stormarn eine Hauptaufnahme-Region für Flüchtlinge und Vertriebene sowie für Butenhamburger geworden war. Auf zehn ursprüngliche Kreiseinwohner kamen 1949 noch zwölf Flüchtlinge. Damit wurde die Wohnraumversorgung zu einer der wichtigsten Fragen, gekennzeichnet von Zwangseinweisungen, Behelfsheimen und Heizmittel-Knappheit.

Weitere Herausforderungen resultierten aus dem eklatanten Mangel an Arbeitsplätzen. Stormarn hatte durch das Groß-Hamburg-Gesetz 1937 seine gewerblich-industriell wichtigsten Gebiete verloren. Außerdem erfolgte mit Kriegsende die Stilllegung der großen Rüstungsbetriebe wie der Krupp Kurbelwellenwerk GmbH in Glinde und der H. Walter KG (Walterwerk) in Ahrensburg. Im Übrigen bildeten die Nachkriegsjahre wirtschaftlich eine Blütezeit der Notökonomie. Zahlreiche, meist kleinere Gewerbebetriebe wurden – teilweise als Wandergewerbe und nur vorübergehend – gegründet.

Angesichts der zunächst herrschenden Nahrungsmittelknappheit spielte die Landwirtschaft für die Grundversorgung der Bevölkerung eine zentrale Rolle. Zugleich bot sie, jedoch zeitlich und quantitativ begrenzt, Arbeitsplätze für Flüchtlinge und Vertriebene. Auch wurde agrarischer Großgrundbesitz neu verteilt, wie beispielsweise die Aufsiedlung des früheren Wehrmachtsgutes und Heeresremonteamtes Grabau und die Kleinsthofbewegung auf Gut Hoisbüttel zeigen.

Daneben gab es erste Zeichen gesellschaftlicher Normalisierung: Gewerkschaften, Verbände und Parteien gründeten sich in rascher Folge im Kreisgebiet neu. Auch das kulturelle Leben blühte ansatzweise auf: Beispielhaft seien die Gründung der Oldesloer Singakademie durch August König im Herbst 1946 und der Start von Volkshochschulprogrammen, wie der Volkshochschule Sachsenwald in Reinbek Anfang 1947, genannt. Ab Oktober 1947 erschienen die „Lübecker Nachrichten“ mit eigenem Stormarn-Teil, zwei Jahre später kam auch der „Oldesloer Landbote“ wieder heraus. Am 22./23.10.1949 wurde das erste Karpfenfest in Reinfeld gefeiert.

Parallel konnten nach der Währungsreform vom 21.06.1948 mit der Einführung der D-Mark wichtige Versorgungsprobleme, vor allem bei Gütern des täglichen Bedarfs, schrittweise gelöst werden. Politisch endete die Nachkriegszeit mit Gründung der Bundesrepublik Deutschland am 23.05.1949. Jedoch reichten viele der wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und infrastrukturellen Probleme in Stormarn noch weit in die 1950er-Jahre hinein.

Folgewirkungen und heutige Bedeutung

Aus der Not der Nachkriegszeit entstand der Zwang zu strukturellen Veränderungen. Die für Stormarn zunächst extrem ungünstigen Ausgangsbedingungen bildeten letztlich die Voraussetzungen für spätere Ansiedlungen Hamburger Unternehmen im Kreisgebiet. Diese konnten auf das Arbeitskräftereservoir der Flüchtlinge und Vertriebenen sowie freie Flächen für Gewerbe und Industrie zurückgreifen und leiteten damit die für Stormarn sehr vorteilhafte Industriesuburbanisierung ein. Darauf aufbauend, folgte in den 1950er- und 1960er-Jahren ein rascher Strukturwandel, der aus dem ländlich-agrarisch geprägten Kreis eine gewerblich-industrielle Wachstums- und Wohlstandsregion machte.

Persönlichkeiten

Erich Friedrich
Wilhelm Siegel GND: 1119642035
Franz Wilhelm Kieling GND: 1013152573
Erika Keck GND: 1117599868
Wilhelm Paasche
August König

Literatur

  • Fischer, Norbert: Die modellierte Region Stormarn und das Hamburger Umland vom Zweiten Weltkrieg bis 1980. Bad Oldesloe, Kulturstiftung der Sparkasse Stormarn 2000, GVK: 320758400
  • Fischer, Norbert: Überleben, leben, erleben die Nachkriegszeit und fünfziger Jahre in Stormarn. Neumünster, Wachholtz 1996, GVK: 279107072

Weitere Literatur