Wolfgang Bachofer

Der Germanist Wolfgang Bachofer lehrte als Professor für Linguistik des Deutschen und Ältere deutsche Literaturwissenschaft an der Universität Hamburg. Er engagierte sich kommunalpolitisch für die SPD sowie als langjähriger Bürgervorsteher in Glinde.

Ausbildung

Bachofer besuchte in seiner Geburtsstadt die Volksschule und verschiedene Oberschulen. Nach dem Abitur an der Oberschule in Berlin-Lichtenberg nahm er im Wintersemester 1947/48 ein Studium der Germanistik, Geschichtswissenschaft, Philosophie und Psychologie an der Humboldt-Universität zu Berlin auf. 1951-1954 setzte er seine Studien an der Universität Hamburg fort. Noch in Berlin hatte er im Frühjahr 1952 das höhere Staatsexamen für die Fächer Deutsch und Geschichte abgelegt, das er 1958 in Hamburg mit einer Erweiterungsprüfung in Geschichte ergänzte. Im Juli 1961 wurde Bachofer bei dem Germanisten Ulrich Pretzel mit einer Dissertation über den Vorauer "Moses", eine frühmittelhochdeutsche Bibeldichtung, promoviert.

Beruflicher Werdegang

Ab 1954 war er an der Universität Hamburg zunächst als Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Mittelhochdeutschen Wörterbuch-Projekt und später als Tutor angestellt. Nach seiner Promotion trat er 1962 als Wissenschaftlicher Rat in den Lehrkörper ein. 1977 wurde er zum Professor am Fachbereich Sprachwissenschaft übergeleitet. Zwei Jahre später ernannte ihn die Universität Hamburg zum Professor für Linguistik des Deutschen und ältere deutsche Literaturwissenschaft. Nach dem Tod seines Lehrers Pretzel übernahm Bachofer 1982 die Leitung der Arbeitsstelle Mittelhochdeutsches Wörterbuch. 1990 ging er in den Ruhestand.

Ansprache zur Grundsteinlegung des Schulzentrums Oher Weg, 1973

Lebenslauf

Bachofers Vater war gelernter Schlosser und wirkte als Funktionär in der KPD und im Lenin-Bund, seine Mutter war Tochter eines Buchbinders. Das Paar trennte sich wenige Jahre nach der Geburt des Sohns. Der Vater amtierte 1945/46 als Bezirksbürgermeister von Berlin-Pankow und durchlief in der DDR eine wechselvolle Laufbahn als SED-Partei- und Sportfunktionär.

Bachofer wuchs bei seiner Mutter - deren Geburtsnamen er später annahm - in Berlin-Mahlsdorf auf. Während des Zweiten Weltkriegs wurde der 17-jährige Oberschüler als Luftwaffenhelfer eingesetzt. Als Student erhielt er in der Sowjetischen Besatzungszone zunächst ein Stipendium, das ihm jedoch infolge seiner hochschulpolitischen Aktivitäten wieder entzogen wurde. Daraufhin übersiedelte er 1951 in die Bundesrepublik.

1957 heiratete er die Pharmazeutin Käthe Reepmann. Mit beiden Töchtern zog die Familie 1966 nach Glinde, wo Käthe Bachofer Anfang der 1970er-Jahre die Markt-Apotheke eröffnete. Das Ehepaar entfaltete ein umfangreiches gesellschaftliches Engagement.

1970 wurde Bachofer für die SPD in den Gemeinderat Glinde gewählt. Als langjähriger Bürgervorsteher setzte er sich vor allem für den Aufbau des Schulzentrums am Oher Weg und die Verleihung der Stadtrechte (Juni 1979) ein. Aus Anlass der Glinder 750-Jahr-Feier gab er 1979 eine Ortsgeschichte heraus.

Seine kommunalpolitischen Ämter legte Bachofer 1981 nieder, um einen Interessenkonflikt zu vermeiden, der aus der geplanten Eröffnung einer zweiten Apotheke am Glinder Markt hätte entstehen können.

Anschließend war Bachofer unter anderem bei der Gründung des Heimatvereins Glinde von 1982 e. V., des Kreisverbands Stormarn der Europa-Union sowie des ersten Seniorenrates der Stadt Glinde initiativ.

Werk/Aktivitäten

Bachofer forschte vor allem zu Sprache und Literatur des Mittelalters. Sein Arbeitsschwerpunkt war die mittelhochdeutsche Lexikografie. Seit den 1970er-Jahren beteiligte er sich außerdem am Aufbau des damals neuen Teilfachs Linguistik des Deutschen. Besondere Akzente in der Lehre setzte Bachofer mit Themen wie geschlechterspezifische Sprache, Deutsch als Fremdsprache und Jugendsprache. Auch an der wissenschaftlichen Aufarbeitung der Geschichte der Universität Hamburg unter dem Nationalsozialismus nahm Bachofer aktiv teil.

An den Hochschul- und Studienreformen der 1960er- und 1970er-Jahre hatte Bachofer starken Anteil. Er engagierte sich besonders für die personelle Entwicklung der Universität, die Belange des akademischen Mittelbaus und die Entwicklung neuer Lehr- und Prüfungsformen. In der akademischen Selbstverwaltung der Universität übernahm er zahlreiche Funktionen, so als Mitglied des Akademischen Senats (1967-1972) und als kommissarischer Sprecher des jungen Fachbereichs Sprachwissenschaft (1974-1976).

Nachdem er bereits 1969 für das Amt des Präsidenten der Universität Hamburg kandidiert hatte, amtierte er 1979-1981 als einer von zwei Vizepräsidenten.

Bedeutung

Bachofer gehört zu den prägenden Figuren der Hamburger Hochschulreformen. Als engagierter Kommunalpolitiker begleitete er die dynamischen Entwicklungen, die Glinde ab 1970 auf seiner letzten Etappe zur amtsfreien Stadtgemeinde durchlief.

Ehrenämter

1967 Mitglied im Schulelternbeirat Glinde

1970-1981 Mitglied im Gemeinderat Glinde (1972-1981 zugleich Bürgervorsteher)

1983 Vorsitzender des Kreisverbands Stormarn der Europa-Union

1990-1992 als wählbarer Bürger Mitglied im Schul- und Kulturausschuss

1993 Mitglied im Seniorenbeirat der Stadt Glinde

Ehrungen und Preise

1988 Silberne Ehrenmedaille der Stadt Glinde

1990 Eötvös-Plakette der Eötvös-Loránd-Universität Budapest

1996 Ehrendoktor der Philosophischen Fakultät der Universität Veszprém/Ungarn

In Glinde gibt es seit 2009 eine Professor-Bachofer-Straße am ehemaligen Bundeswehrdepotgelände, nahe dem Schulzentrum am Oher Weg.

Besonderheiten

An der Universität Hamburg engagierte sich Bachofer seit Mitte der 1970er-Jahre für die partnerschaftliche Zusammenarbeit mit osteuropäischen Hochschulen. Nach seiner Pensionierung übernahm er 1994/95 die Vertretung des Lehrstuhls für Deutsche Sprache und Literatur an der Universität Veszprém/Ungarn. Anschließend versah er dort 1996/97 eine zweisemestrige Gastprofessur.

Persönlichkeiten

Ulrich Pretzel GND: 118596381

Links

Wikipedia-Artikel: https://de.wikipedia.org/wiki/Wolfgang_Bachofer (Zugriff am 21.04.2020)

Hamburger Professorinnen- und Professorenkatalog: https://www.hpk.uni-hamburg.de/resolve/id/cph_person_00002232 (Zugriff am 21.04.2020).

Zur Biografie des Vaters: https://www.bundesstiftung-aufarbeitung.de/de/recherche/kataloge-datenbanken/biographische-datenbanken/bruno-maetzchen?ID=4743 (Zugriff am 21.04.2020).

Familienname

Bachofer

vollständige Vornamen

Wolfgang Bruno Karl

Rufname

Wolfgang

Geburtsdatum

31.05.1928

Geburtsort

Berlin

Sterbedatum

20.07.2003

Sterbeort

Glinde

Begräbnisort

Glinde

Geschlecht

männlich

Religion

evangelisch

Berufe

Germanist, Hochschullehrer

Funktionen, Rang

Wissenschaftlicher Rat 1962-1968, Wissenschaftlicher Oberrat 1969-1977, Wissenschaftlicher Rat und Professor 1977-1979, Universitätsprofessor 1979-1990

Ehe-/Lebenspartner

Käte Bachofer, geb. Reppmann (1925-2002)

Kinder

2 Töchter

Eltern

Bruno Mätzchen (1901-1979), Charlotte Bachofer (geschiedene Mätzchen, 1905-2000)

Literatur von der Person

  • Bachofer, Wolfgang: Der Wortschatz der "Vorauer Bücher Moses" Vorarbeiten zu einer Ausgabe. Hamburg, 1961, GVK: 044195869
  • Bachofer, Wolfgang [u. a.]: Glinde eine junge Stadt stellt sich vor. Eine Ortsgeschichte in Einzeldarstellungen 1229-1979. Glinde, Böckel 1979, GVK: 040431657
  • Bachofer, Wolfgang/Hahn, Walter von/Möhn, Dieter (Bearb.): Rückläufiges Wörterbuch der mittelhochdeutschen Sprache. Auf der Grundlage von Matthias Lexers Mittelhochdeutschem Handwörterbuch und Taschenwörterbuch. Stuttgart, Hirzel 1984, GVK: 432927506
  • Bachofer, Wolfgang (Hrsg.): Mittelhochdeutsches Wörterbuch in der Diskussion. Symposion zur Mittelhochdeutschen Lexikographie, Hamburg, Oktober 1985. Tübingen, Niemeyer 1988, GVK: 024134031
  • Bachofer, Wolfgang/Beck, Wolfgang: Deutsche und Niederdeutsche Philologie. Das Germanische Seminar zwischen 1933 und 1945. In: Hochschulalltag im "Dritten Reich". Die Hamburger Universität 1933-1945. Hrsg. von Eckart Krause, Ludwig Huber, Holger Fischer. Teil 2: Philosophische Fakultät, Rechts- und Staatswissenschaftliche Fakultät, Berlin/Hamburg: Reimer, 1991 (Hamburger Beiträge zur Wissenschaftsgeschichte, Bd. 3, Teil 2), S. 641-703, GVK: 27113481X

Literatur

  • Rehbein, Jochen: Wolfgang Bachofer <im Ruhestand>. In: uni hh 22 (1991), Nr. 1, S. 72, GVK: 393767620
  • Mádl, Antal: In memoriam Prof. Dr. h.c. Wolfgang Bachofer (1928-2003). In: Jahrbuch der ungarischen Germanistik (Budapest) 2003, S. 453-455, GVK: 531206440

Weitere Literatur