Franzosenzeit in Stormarn

Als Franzosenzeit wird der Zeitraum bezeichnet, in welchem Norddeutschland in die Napoleonischen Kriege einbezogen wurde, mit denen der französische Kaiser Napoleon I. ab 1803 nach den Französischen Revolutionskriegen seine Herrschaft in Europa zu erweitern suchte. Sie endete mit der militärischen Niederlage Napoleons in der Schlacht bei Waterloo/Belle-Alliance vom 18.06.1815.

Ursachen und Vorgeschichte

Norddeutschland war zunächst vor allem wirtschaftlich – durch die 1806 von Frankreich gegen England verhängte Kontinentalsperre – beeinträchtigt. Erst 1807, nach dem Überfall Großbritanniens auf Kopenhagen, gab Dänemark seine Neutralitätspolitik auf, verbündete sich mit Frankreich und zog so die Herzogtümer in die Kriegshandlungen hinein.

Verlauf und Akteure

Stormarn war innerhalb Schleswig-Holsteins mit am schwersten betroffen, weniger als Kriegsschauplatz denn als Stationierungs- und Durchmarschgebiet feindlicher wie verbündeter Truppen. Aufgrund naturräumlicher Gegebenheiten bildete Trittau mit der Verbindung zu den beiden alten Heerstraßen über Rahlstedt und Oldesloe ein Einfallstor. Seit 1805 bewachte bereits ein Beobachtungskorps des bis 1807 neutralen Dänemark die holsteinische Südostgrenze von Bergedorf über Trittau bis Lübeck.

1811-1812 bewohnte Marschall Louis-Nicolas Davout, Gouverneur des seit 1806 französisch besetzten, 1811 dem napoleonischen Kaiserreich einverleibten Hamburg, mit Familie und Stab das Herrenhaus (Schloss) zu Wandsbek und brachte Industrie und Gewerbe dort einen kurzen wirtschaftlichen Aufschwung. Im Sommer 1813 wurden dänische Truppen zwischen Lübeck und Ahrensburg zusammengezogen. Französische Truppen wurden im Kirchspiel Siek (Stabsquartier in Siek), in Oejendorf und Witzhave einquartiert, das dänische Hilfskorps lagerte bei Hoisdorf, Großensee und Rausdorf. Nach dem Sieg über Napoleon in der Völkerschlacht bei Leipzig (16.-19.10.1813) rückten die Gegner Russland, Preußen, Österreich und Schweden gegen die verbündeten Franzosen und Dänen vor. Bei Rückzugsgefechten wurde Stormarn nun auch zum Schauplatz militärischer Auseinandersetzungen. Am 05.12. griffen die verbündeten Gegner Oldesloe an, das tags darauf kampflos besetzt wurde. Gegnerische Truppen ließen sich auch in Rümpel, Blumendorf und Fischbek (Hanseatische Legion) nieder, der Norden Stormarns war in der Hand schwedischer Truppen.

Im Süden Stormarns zog sich die französische Seite ab 03.12.1813 in Richtung Wandsbek zurück. In Braak requirierte sie sämtliche Vorräte für die bevorstehende gegnerische Belagerung des zur starken Festung ausgebauten Hamburg. Am 04.12.1813 marschierte russische Kavallerie in Ahrensburg ein und nahm Quartier auf dem Gut. General Woronzow wohnte im Schloss, die Kirche wurde als Magazin und Stallung benutzt. Kosaken zogen durch Siek, Trittau und Bargteheide mit kleineren Gefechten bei Trittau und Elmenhorst. Nach einem französisch-dänischen Angriff auf russische Kosaken am 06.12.1813 in Alt-Rahlstedt kam es bei der Verfolgung zwischen Meilsdorf, Siek und Papendorf beiderseits der Alten Landstraße zu einem schweren Reitergefecht, wobei der dänische Befehlshaber Oberst Bonniche Bonnichsen fiel.

Der strenge Winter 1813/14 („Kosakenwinter“) stellte mit ständigen Truppenbewegungen, drückenden Einquartierungslasten und der Vernichtung aller Vorräte (in Ahrensburg, Siek und Trittau wurden militärische Verpflegungsmagazine errichtet) für Stormarn eine extreme Belastung dar. Verstärkt wurde die Notlage durch die Aufnahme zahlreicher Hamburger, die am Weihnachtsabend 1813 von Marschall Davout aus der belagerten Stadt vertrieben worden waren, weil sie sich nicht auf sechs Monate im Voraus verproviantieren konnten. Anfang 1814 wechselte Dänemark auf die Seite der napoleonischen Gegner (Frieden zu Kiel, 14.01.1814). Schleswig-Holstein blieb jedoch noch bis zum endgültigen Friedensschluss mit Preußen und Russland am 08.02.1915 von fremden Soldaten besetzt.

Folgewirkungen und heutige Bedeutung

Die Napoleonischen Kriege hatten in Stormarn mit militärischen Einquartierungen, Zwangsverpflegung von Truppen und Pferden, Requirierungen von Vieh und Material, körperlichen Misshandlungen, Plünderungen und Flurschäden zu einer völligen Überlastung der Bauernstellen, der Zerstörung und Aufgabe zahlreicher Höfe, der Verarmung der Dörfer, dem Ausbruch von Seuchen (Fleckfieber, Ruhr, Typhus) und einer hohen Sterblichkeit geführt.

Besonderheiten

An die durchziehenden französischen Truppen erinnert heute noch die vermutlich zwischen 1805 und 1808 errichtete sogenannte Napoleonbrücke in Trittau. Seit 1956 befindet sich für den dänischen Befehlshaber Oberst Bonniche Bonnichsen eine Gedenktafel an der Außenmauer der Sieker Kirche.

Persönlichkeiten

Bonniche Bonnichsen
Louis-Nicolas Davout GND: 116041749

Literatur

  • Barbara Günther (Hrsg.): Stormarn Lexikon. Neumünster, Wachholtz 2003, GVK: 365197653