Flüchtlinge nach dem Zweiten Weltkrieg in Stormarn

Nach dem Zweiten Weltkrieg zählte Stormarn innerhalb Schleswig-Holsteins zu den Kreisen mit den höchsten Flüchtlingsanteilen. Dadurch entstanden strukturelle wirtschaftliche, gesellschaftliche und politische Probleme für den Kreis.

Organisationen

Der am 08.01.1950 in Kiel gegründete Bund der Heimatvertriebenen und Entrechteten (BHE) war die Partei der Flüchtlinge und Vertriebenen. Am 22.04.1950 wurde der Bund der Heimatvertriebenen und Entrechteten: Kreisverband Stormarn gegründet. Im Stormarner Kreistag, in dem der BHE nach der Kommunalwahl 1951 fast ein Viertel der Abgeordneten stellte, wurde er von 1951 bis 1953 durch den früheren Nationalsozialisten sowie kommissarischen Landrat und OberKreisdirektor Wilhelm Paasche vertreten, der auch zeitweilig Mitglied im Kreisausschuss war.

Geschichte

Die vom Zweiten Weltkrieg verursachten Flüchtlingsbewegungen aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten hatten - neben den Hamburger Bombenflüchtlingen (sogenannte Butenhamborger) - für Stormarns Entwicklung nach 1945 besonders gravierende Folgen. Rund ein Jahr nach Ende des Krieges gab es im Kreis im Frühjahr 1946 rund 80.000 Flüchtlinge. Noch Anfang der 1950er-Jahre lag der Anteil der Flüchtlinge, Vertriebenen und Zugewanderten an der Gesamtbevölkerung in Stormarn bei 50-55 Prozent. Damit wurde der vor dem Zweiten Weltkrieg durch das Groß-Hamburg-Gesetz entstandene Bevölkerungsverlust wieder ausgeglichen.

Der Flüchtlingszustrom verschärfte die gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und infrastrukturellen Probleme im Stormarn der Nachkriegszeit erheblich. Stärker noch als die Einheimischen waren die Flüchtlinge und Vertriebenen von Wohnungsnot, Arbeitslosigkeit, Lebensmittelknappheit wie auch allgemeiner Armut betroffen. Die Wohnraumversorgung wurde zu einem der dringlichsten sozialen Probleme. Viele Flüchtlinge und Vertriebene kamen zunächst nur provisorisch durch Zwangseinweisungen und staatliche Wohnraumbewirtschaftung unter: in Privathäusern und -wohnungen oder in eigens errichteten Baracken. 1950 lebten über zehn Prozent der gesamten Kreisbevölkerung in Notwohnungen, bevor der bald forcierte Siedlungsneubau den Flüchtlingen und Vertriebenen schrittweise eine dauerhafte Unterkunft bot. Gleichwohl wohnten im Oktober 1955 noch immer fast 6.000 Menschen in 1760 Notunterkünften. Trotz staatlich gelenkter Umsiedlungsprogramme zwischen den Bundesländern blieben viele der Flüchtlinge und Vertriebene dauerhaft in Stormarn − noch 1958 verzeichneten beispielsweise Großensee, Lütjensee und Trittau einen Bevölkerungszuwachs von über 100 Prozent im Vergleich zum letzten Vorkriegsstand (1939).

1952 wurden in Städten mit mehr als 10.000 Einwohnern hauptamtliche Flüchtlingsbeauftrage angestellt. Zu ihren Aufgaben gehörten nicht nur die allgemeine Flüchtlingsbetreuung, sondern auch konkrete Arbeiten wie die Hilfestellung bei Anträgen auf Umsiedelung (Wohnraum, allgemeiner Existenzaufbau, Transportkostenbeihilfen).

Gesellschaftlich integrierend wirkten In den 1950er-Jahren für die zumeist aus ländlichen Milieus stammenden Flüchtlinge die saisonale Nachfrage nach landwirtschaftlich geschulten Arbeitskräften einerseits, das aufblühende Vereinsleben (vor allem Sportvereine) andererseits. Aber erst der in den späten 1950-er Jahren einsetzende Strukturwandel, der innerhalb kurzer Zeit aus dem zuvor weitgehend agrarischen Stormarn eine gewerblich-industrielle Wachstumsregion machte, sorgte für eine langfristige Lösung der wirtschaftlichen Probleme und damit für eine endgültige Integration der Flüchtlinge und Vertriebenen.

Kultur

Für Kultur, Tradition und Brauchtum von besonderer Bedeutung waren die Landsmannschaften. Sie organisierten sogenannte Heimatabende mit Vorträgen sowie Gesangs- und Tanzveranstaltungen, Trachtenpflege spielte eine große Rolle. 1949 wurden in Bad Oldesloe eine schlesische und in Reinfeld eine pommersche Landsmannschaft sowie ebendort 1950 eine west- und ostpreußische Landsmannschaft gegründet. Auch die Übernahme von Patenschaften für Orte in den ehemaligen deutschen Ostgebieten spielte bei der Kulturpflege eine wichtige Rolle, beispielsweise Reinfeld für die pommersche Stadt Körlin (1957). Das materielle Erbe der Flüchtlinge und Vertriebenen wurde in sogenannten Heimatstuben gepflegt. Die erste Stormarner Kreiskulturwoche (03.-09.11.1950) bot einen „Abend der Heimatvertriebenen“.

Besonderheiten

Der Kreis Stormarn begründete am 25.08.1956 eine Patenschaft mit dem ehemaligen westpommerschen Kreis Kolberg-Körlin (heute Polen).

Persönlichkeiten

Wilhelm Paasche

Literatur

  • Xylander, Marlen von: Flüchtlinge im Armenhaus Studien zu Schleswig-Holstein 1945 - 1949. Neumünster, Wachholtz 2010, GVK: 618212027
  • Fremdes Zuhause Flüchtlinge und Vertriebene in Schleswig-Holstein nach 1945. Neumünster, Wachholtz 2009, GVK: 600227685
  • Fischer, Norbert und Barbara Günther: Überleben, Leben, Erleben die Nachkriegszeit und fünfziger Jahre in Stormarn. Neumünster, Wachholtz 1996, GVK: 214374009

Weitere Literatur