Erich Keßler

Der Verwaltungsjurist Erich Keßler war während der Zeit des Nationalsozialismus von 1937 bis 1940 Landrat des Kreises Stormarn.

Ausbildung

Erich Keßler besuchte von 1906 bis 1913 das Königliche Luisen-Gymnasium in Memel und anschließend bis 1917 das Königliche Hufen-Gymnasium in Königsberg in Preußen, das er mit dem Abitur verließ. Ab 1919 studierte er Rechts- und Staatswissenschaften in Königsberg und promovierte 1922 über die strafprozessuale Bedeutung des Artikels 37 der Verfassung des Deutschen Reichs. 1921 bestand er am Oberlandesgericht Königsberg die Referendarprüfung und wechselte zum Ministerium des Inneren in Berlin, wo er 1926 die Große Staatsprüfung für den höheren Verwaltungsdienst ablegte.

Beruflicher Werdegang

1926 kam Erich Keßler an das Landratsamt des Kreises Pinneberg. Als Polizeidezernent ging er 1932 zurück nach Königsberg in Preußen an das Regierungspräsidium und wurde 1933 zu den Polizeipräsidien Recklinghausen und Wuppertal sowie zum Oberpräsidium in Königsberg abgeordnet. 1934 übernahm er die Stelle des Regierungsvizepräsidenten in Gumbinnen.

Im März 1937 trat er sein Amt als Landrat des Kreises Stormarn an, das er offiziell bis Juni 1940 innehatte. Vertretungsweise war er parallel zeitweise als Landrat des schleswig-holsteinischen Kreises Eiderstedt (1938–1939) eingesetzt. Anschließend erfolgte seine Versetzung nach Kattowitz als Regierungsvizepräsident. Danach wechselte er 1944 als Ministerialrat in das Reichsministerium des Inneren in Berlin.

Ab 1948 arbeitete er beim Rechnungshof für Sonderaufgaben in Hamburg, ehe er 1949 an das Bundesministerium des Inneren in Bonn versetzt wurde. 1950 erfolgte seine Ernennung zum Ministerialdirigenten. Im Juli 1964 trat er in den Ruhestand.

Lebenslauf

Erich Keßler wuchs in Ostpreußen auf. Als Jugendlicher kam er nach Königsberg in Preußen. Ab Herbst 1917 absolvierte er dort seinen einjährigen Heeresdienst bei dem Grenadierregiment Kronprinz. Zwar verhinderte das Ende des Ersten Weltkriegs seinen Kriegseinsatz, er ging jedoch anschließend für einige Monate zum 3. Ostpreußischen Freiwilligen-Regiment, einem Freikorps. Während seines Studiums trat er der Burschenschaft „Teutonia“ bei und war von 1920 bis 1922 Mitglied der Studentengruppe der Deutschen Volkspartei (DVP). Am 28.09.1928 heiratete er und hatte mit seiner ebenfalls aus Ostpreußen stammenden Frau drei Kinder.

Seine Kenntnisse für das spätere Landratsamt in Stormarn erwarb Keßler als Regierungsassessor im Kreis Pinneberg. Trotz seiner 1932 dort erfolgten Wahl zum Landrat wurde er vom preußischen Staatsministerium jedoch nach Königsberg zurückversetzt. 1933 trat er in die NSDAP ein und war bis 1938 SA-Mitglied. Außerdem gehörte er weiteren NS-Organisationen an. Obgleich er sich an dem parteinahen Königsberger Kreis beteiligte, geriet er in Konflikt mit dem ostpreußischen Gauleiter Erich Koch und den NSDAP-Kreisleitern in Gumbinnen. Diese strengten 1935 vor dem Gauparteigericht ein Verfahren gegen Keßler an.

Als Ausweg wurde Keßler 1937 zum Landrat des Kreises Stormarn berufen. In seiner Stormarner Amtszeit musste er die drastische Verkleinerung des Kreises aufgrund des Groß-Hamburg-Gesetzes (1937/38) bewältigen. Obgleich 1938 in Bad Oldesloe die Kreisberufsschule errichtet wurde, befürwortete er wie sein Vorgänger dennoch weiterhin den Verbleib der Kreisverwaltung in Wandsbek. Erneut geriet er in Konflikt mit der NSDAP und in Konfrontation zum Stormarner Kreisleiter Erich Friedrich. Trotz mehrfacher Rügen des schleswig-holsteinischen Gauleiters Hinrich Lohse blieb er im Amt, bemühte sich jedoch um seine Versetzung.

1939 übernahm Keßler im besetzten Polen eine Stelle in der Zivilverwaltung und wurde 1940 zum Regierungsvizepräsidenten in Kattowitz ernannt. Seine zunehmend kritische Haltung zum Nationalsozialismus führte zur Beteiligung an der Widerstandsgruppe um den befreundeten Fritz-Dietlof von der Schulenburg, wo er Vorschläge über Verfassungs- und Verwaltungsfragen für die Zeit nach dem geplanten Sturz Hitlers erarbeitete. Er entging nach dessen Scheitern der Verhaftung und wechselte in den Ministerialdienst nach Berlin.

Nach dem Zweiten Weltkrieg konnte Keßler nach seiner Entlastung 1947 die Tätigkeit im Staatsdienst wiederaufnehmen. Als Leiter der Abteilung B I für Verwaltungsrecht und -gerichtsbarkeit sowie ab 1952 auch für Kommunalwesen im Bonner Innenministerium beendete er seine berufliche Laufbahn.

Bedeutung

Erich Keßler begleitete den Kreis Stormarn durch die schwierige Phase nach Erlass des Groß-Hamburg-Gesetzes, der daraus folgenden Reduzierung der Verwaltung und der zunehmenden Zersplitterung ihrer Aufgaben. Bereits damals ist seine kritische Haltung gegenüber der NSDAP sowie der Stormarner NS-Kreisleitung nachzuweisen.

Ehrungen und Preise

Während des Zweiten Weltkriegs erhielt Erich Keßler 1940 das Kriegsverdienstkreuz II. Klasse, 1943 Verdienstkreuz I. Klasse ohne Schwerter. 1964 erfolgte die Verleihung des Großen Verdienstkreuzes (Halskreuz) der Bundesrepublik Deutschland für seine Verdienste im Bundesministerium des Inneren.

Persönlichkeiten

Hinrich Lohse GND: 117197203
Erich Koch GND: 118951890
Erich Friedrich
Fritz-Dietlof von der Schulenburg GND: 118611240

Links

Virtuelle Ausstellung des Bundesministeriums des Inneren: http://ausstellung.geschichte-innenministerien.de/biografien/erich-kessler (Zugriff am 03.06.2019)

Familienname

Keßler

vollständige Vornamen

Erich Hermann Ernst

Rufname

Erich

Geburtsdatum

15.07.1899

Geburtsort

Memel (heute Klaipeda/Litauen)

Sterbedatum

07.02.1989

Sterbeort

Bad Neuenahr-Ahrweiler/Rheinland-Pfalz

Geschlecht

männlich

Religion

evangelisch

Berufe

Verwaltungsjurist, Ministerialbeamter

Funktionen, Rang

Landrat 1937-1940, Regierungsvizepräsident 1934-1936, 1940-1944

Ehe-/Lebenspartner

Liselotte Gertrud Keßler, geb. Eichstätt (1907-2009)

Kinder

drei Kinder

Landrat: Amtsinhaber

Literatur von der Person

  • Keßler, Erich: Die strafprozessuale Bedeutung des Artikels 37 der Verfassung des deutschen Reiches. GVK: 430882971

Literatur

  • Müller, Henning K.: Die Stormarner Landräte und der Nationalsozialismus. [Bad Oldesloe], Sparkassen-Kulturstiftung Stormarn 2018, GVK: 1040337368
  • Perrey, Hans-Jürgen: Stormarns preußische Jahre die Geschichte des Kreises von 1867 bis 1946/47. Neumünster, Wachholtz 1993, GVK: 152680373
  • Lehmann, Sebastian: Kreisleiter der NSDAP in Schleswig-Holstein Lebensläufe und Herrschaftspraxis einer regionalen Machtelite. Bielefeld, Verl. für Regionalgeschichte 2007, GVK: 512672008

Weitere Literatur