Wilhelm Paasche

Der Jurist Wilhelm Paasche war 1945/46 der erste Stormarner Landrat nach dem Zweiten Weltkrieg.

Ausbildung

Wilhelm Paasche besuchte im ostpreußischen Stallupönen das Realgymnasium, ab 1931 dann die Oberrealschule in Vacha an der Werra in Thüringen. Nach dem Abitur 1933 nahm er zunächst das Studium der Rechtswissenschaften in München auf und wechselte im Herbst an die Universität in Königsberg in Preußen. Nach einer Beurlaubung 1934/35 setzte er sein Studium fort, das er Ende 1937 mit der Ersten juristischen Staatsprüfung abschloss. Als Gerichtsreferendar war Paasche im bayrischen Freising und bei der Regierung in Königsberg eingesetzt, wo er in das ostpreußische Bartenstein abgeordnet wurde. Die vereinfachte Große juristische Staatsprüfung legte er kriegsbedingt erst im Sommer 1942 in Königsberg ab.

Beruflicher Werdegang

Wilhelm Paasche kam 1942 kurzfristig als Regierungsassessor an das Landratsamt in Braunschweig, ehe er dem Ministerium des Inneren im Freistaat Braunschweig zugewiesen wurde. Obgleich er, bedingt durch Kriegseinsatz, seinen Dienst nicht angetreten hatte, fand 1944 seine Ernennung zum Regierungsrat statt.

Am 20.04.1945 erfolgte seine Zuweisung an die Kreisverwaltung Stormarn in Bad Oldesloe, wo er am 10.05.1945 von der britischen Militärregierung zunächst probeweise mit der Wahrnehmung der landrätlichen Geschäfte eingesetzt wurde. Seine Wahl zum Oberkreisdirektor durch den ernannten Kreistag am 07.02.1946 erkannte die britische Militärregierung nicht an und enthob ihn zum 01.03.1946 des Amtes.

Anfang 1947 eröffnete Paasche ein landwirtschaftliches Beratungsbüro mit Buchstelle in Ahrensburg. 1951 konnte er als zunächst als Wartestandsbeamter, 1954 dauerhaft in den Staatsdienst bei den Bezirksregierungen in Braunschweig und Lüneburg zurückkehren. Anschließend wurde er Referent am Niedersächsischen Ministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten. 1962–1978 war er als Oberkreisdirektor des Landkreises Lüchow-Dannenberg tätig.

Lebenslauf

Nach dem frühen Tod des Vaters, eines Landwirts, zog Wilhelm Paasches Mutter nach dem Verkauf des Hofes nach Vacha in Thüringen. 1931 gründete Paasche die erste Ortsgruppe des Nationalsozialistischen Schülerbundes (NSS) im Kreis Eisenach und wurde dort und im Kreis Sonneberg Unterbannführer. Im März 1933 trat er in die NSDAP ein und kam zur Unterabteilung Ostland des Amtes für Agrarpolitik bei der Reichsleitung der Partei in München. Außerdem engagierte er sich in der Reichsjugendführung der NSDAP, dem SA-Studentensturm sowie dem Nationalsozialistischen Studentenbund (NSDStB). In Königsberg leitete er das Hauptamt für Grenz- und Auslandsarbeit der Universität, ab 1936 im Kreis Preußisch Eylau das NS-Kreisschulungsamt sowie später das Kreisamt für Kommunalpolitik. 1938 erfolgte seine Ernennung zum Leiter der Organisationsstelle der Reichsstudentenführung der NSDAP in München.

Während seines Einsatzes als Offizier im Zweiten Weltkrieg wurde Paasche mehrfach verwundet. Am 28.05.1944 heiratete er Dora Kehler und bekam mit ihr einen Sohn. Nach seiner Entlassung aus dem aktiven Dienst fand der Regierungsrat am 20.04.1945 im Kreis Stormarn Verwendung als Verwaltungsjurist. Als Landrat Rolf Carls bei dem Bombenangriff auf Bad Oldesloe, dem Kreissitz, am 24.04.1945 starb und sein Nachfolger kurz darauf von der britischen Militärregierung entlassen wurde, erfolgte Paasches Einsetzung als kommissarischer Landrat. Seine NS-Vergangenheit hatte er bis auf seinen Eintritt in die NSDAP zuvor verschwiegen. Im Landkreis mit dem höchsten Flüchtlingsanteil in Schleswig-Holstein gehörte die Versorgung der Bevölkerung mit Lebensmitteln, Bekleidung und Wohnraum zu seinen dringlichsten Aufgaben in der frühen Nachkriegszeit.

Nach seiner Entlassung leugnete Paasche weiterhin seine Involvierung in das NS-System, wurde jedoch 1948 im Entnazifizierungsverfahren aufgrund fehlenden Belastungsmaterials entlastet. Eine Wiedereinstellung in der Kreisverwaltung blieb ihm aufgrund der Nichtanerkennung des Beamtenstatus‘ verwehrt. So engagierte er sich bereits ab 1950 im neu gegründeten Bund der Heimatvertriebenen und Entrechteten: Kreisverband Stormarn und saß von 1951 bis 1953 als dessen Abgeordneter im Kreistag, zeitweilig auch im Kreisausschuss.

Als Oberkreisdirektor des Kreises Lüchow-Dannenberg setzte er sich sowohl für die Wirtschaftsförderung des Wendlands als auch für den Erhalt der dortigen Siedlungslandschaft ein. Der Sportflieger unterstützte den Bau eines kleinen Verkehrsflugplatzes in Rehbeck im Zonenrandgebiet und gehörte 1972 zu den Gründern des Rotary-Clubs in Lüchow.

Nach seiner Pensionierung hielt Paasche sich vor allem auf seiner Ranch in British Columbia in Kanada auf. Bereits seit den frühen 1950er-Jahren besuchte der passionierte Jäger wiederholt Afrika, wo er 1997 in Namibia verstarb.

Bedeutung

Mit Wilhelm Paasche bekam der Kreis Stormarn unmittelbar nach Kriegsende für wenige Monate einen überzeugten Nationalsozialisten als Landrat, der es verstanden hatte, aus Karrieregründen die britische Militärregierung und den ersten ernannten Kreistag über sein Engagement innerhalb des NS-Systems im Unklaren zu lassen.

Ehrenämter

Wilhelm Paasche war stellvertretender Vorsitzender des 1969 gegründeten Vereins zur Erhaltung von Rundlingsdörfern im Hannoverschen Wendland.

Ehrungen und Preise

1941–1943 Eisernes Kreuz II. Klasse, Eisernes Kreuz I. Klasse, Verwundetenabzeichen in Schwarz und in Silber
1978 Verdienstkreuz am Bande des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland, Silbernes Feuerwehrehrenkreuz des Deutschen Feuerwehrverbandes e. V.

Persönlichkeiten

Rolf Carls GND: 12355702X

Vorgänger

Nachfolger

Familienname

Paasche

vollständige Vornamen

Wilhelm

Geburtsdatum

18.02.1913

Geburtsort

Stallupönen (heute Nesterow/Russland)

Sterbedatum

04.03.1997

Sterbeort

Namibia

Begräbnisort

British Columbia/Kanada

Geschlecht

männlich

Religion

evangelisch

Berufe

Verwaltungsjurist, Steuerberater

Funktionen, Rang

Landrat 1945–1946, Oberkreisdirektor 1962–1978

Ehe-/Lebenspartner

Dora Paasche, geb. Kehler (1926–unbekannt)

Kinder

ein Sohn

Eltern

Wilhelm Paasche, Margarete Paasche, geb. Schulz

Landrat: Amtsinhaber

Kreistag 1951-1955: Mitglieder

Literatur

  • Müller, Henning K.: Die Stormarner Landräte und der Nationalsozialismus. [Bad Oldesloe], Sparkassen-Kulturstiftung Stormarn 2018, GVK: 1040337368
  • Perrey, Hans-Jürgen: Stormarns preußische Jahre die Geschichte des Kreises von 1867 bis 1946/47. Neumünster, Wachholtz 1993, GVK: 152680373

Weitere Literatur