Stellmoor-Ahrensburger Tunneltal

Als landesweit wichtigstes Fundgebiet späteiszeitlicher Besiedlung zählt das Stellmoor-Ahrensburger Tunneltal zu den bedeutendsten archäologischen Denkmälern Schleswig-Holsteins und besitzt zugleich internationale Relevanz.

Lage

Das Stellmoor-Ahrensburger Tunneltal wird im Westen von der Bahnstrecke Hamburg-Lübeck, nördlich von der U-Bahnstrecke Ahrensburg West – Ahrensburg Ost einschließlich Vierbergen, im Osten durch die Ahrensburger Stadtteile Waldgut Hagen sowie Siedlung Am Hagen und südlich von der Kreisgrenze zu Hamburg begrenzt. Auf Hamburger Gebiet setzt es sich als Stellmoorer Tunneltal fort.

Es umfasst die Niederungen der Wandse, des Stellmoorer Quellflusses und des Hopfenbaches.

Grabungsgeschichte

Nach Oberflächenfunden 1906 bei Kartierungsarbeiten und Baggerfunden 1912 beim Bau der Walddörferbahn erschlossen ab den 1930er-Jahren planmäßige Ausgrabungen die Bedeutung des Areals: Der Autodidakt Alfred Rust grub 1933/34 am Toteisteich bei Meiendorf, 1935/36 am Toteisteich vor dem Stellmoor-Hügel, 1946-1948 am Borneck sowie 1951 auf der Poggenwisch und dem angrenzenden Toteisteich. 1967-1971 unternahm der Archäologe Gernot Tromnau Forschungsgrabungen auf der Teltwisch.

Unter Leitung der Archäologen Ingo Clausen und Annette Guldin führte das Archäologische Landesamt Schleswig-Holstein im Sommer 2015 in der Nähe des Stellmoor-Hügels kleinflächige Suchgrabungen am Lusbusch beim Hof Stellmoor sowie auf Höhe der Straßenquerung Brauner Hirsch durch, als Voruntersuchungen im Zuge des geplanten Bahnstreckenaus- und -neubaus der S-Bahnlinie 4 Ost der Deutschen Bahn AG im Hamburger Verkehrsverbund (HVV).

Befunde/Funde

Die besonderen klimatischen und naturräumlichen Gegebenheiten des Stellmoor-Ahrensburger Tunneltales nach Rückzug der letzten Vereisung erlaubten mit Tundra und Toteisteichen die saisonale Besiedlung durch spätpaläolithische, auf die Rentierjagd spezialisierte Wildbeutergruppen. Sie gelten in der Forschung als Ableger der südlicher beheimateten Magdalénien-Kultur.

Aufbauend auf Vorarbeiten von Gustav Schwantes konnten anhand der Funde und Befunde im Tunneltal zwei Kulturkomplexe definiert und stratigrafisch wie typologisch unterschieden werden: die Hamburger Kultur (ca. 12.700-11.900 v. Chr.) und, nach einer erneuten Kältephase, die Ahrensburger Kultur (ca. 10.760-9.600 v. Chr.). Funde aus der Zwischenzeit werden den Federmesser-Gruppen zugeordnet.

Die archäologischen Grabungen erbrachten zahlreiche Stein- und Feuersteinartefakte, darunter Flintgeräte wie Bohrer, Riemenschneider, Stichel, Kratzer und Zinken sowie Kerbspitzen (Hamburger Kultur), Stielspitzen und Mikrolithen (Ahrensburger Kultur) für Speere und Speerschleudern. Aus Knochen und Rentiergeweih fertigte man unter anderem Hacken, Beile und Harpunen.

Während zur Zeit der Hamburger Kultur die Pirschjagd auf Großherden der Rentiere dominierte, belegen immense Mengen von Tierknochen aus der Ahrensburger Kulturstufe intensiv betriebene Treibjagden. Hinzu kam ein breites Spektrum anderer Jagdtiere. Bearbeitungsspuren ermöglichen die Rekonstruktion verschiedener Techniken von Jagd und Beutezerlegung. Relikte von Wohnzelten und -hütten sowie umgebende Steinartefakte bieten Hinweise auf Alltags- und Arbeitsgeschehen.

Aus Schichten der Hamburger Kultur stammen die bislang frühesten Nachweise von Kunst in Nordeuropa, aus der Ahrensburger Stufe die weltweit ältesten, mit Flintspitzen versehenen Holzpfeile.

Im nordwestlichen Bereich des Grabungsschutzgebietes befinden sich am Rand des Forst Hagen 71 oberirdisch erhaltene, vermutlich aus der vorrömischen Eisenzeit (ca. 500 v. Chr.–0) stammende flache Steinhügel.

Eine 1974 entdeckte, erst teilweise untersuchte Fundstelle im Bereich der ehemaligen Mülldeponie zwischen Wandse und Stellmoorer Quellfluss zeugt von einer bäuerlichen Siedlung von ca. 50 v. Chr. bis ins zweite Jahrhundert n. Chr.

Folgewirkung und Bedeutung

Das Stellmoor-Ahrensburger Tunneltal ist international von hohem Rang sowie eines der bedeutendsten archäologischen Fundareale Schleswig-Holsteins. Seit 22.07.1977 ist es als Grabungsschutzgebiet in die Denkmalliste des Landes eingetragen.

Die weiträumige Ausdehnung der Fundstellen, ihre differenzierte chronologische Schichtenabfolge, die guten Erhaltungsbedingungen und das breite Fundspektrum sind in ihrer Gesamtheit einzigartig im nordeuropäischen Flachland. Sie erlauben die wissenschaftliche Erforschung der späteiszeitlichen Kultur-, Natur-, Klima- und Umweltentwicklung über mehrere Jahrtausende hinweg.

Besonderheiten

Im Forst Hagen liegen auch die Überreste der mittelalterlichen Burg Arnesvelde.

Das Grabungsschutzgebiet ist zugleich Teil des Naturschutzgebietes Stellmoor-Ahrensburger Tunneltal.

Persönlichkeiten

Gustav Schwantes, GND: 118762842
Alfred Rust, GND: 118604317
Gernot Tromnau, GND: 124224849
Ingo Clausen, GND: 1203168047
Annette Guldin

14 400
Stellmoor-Ahrensburger Tunneltal account_balance 53.6513750000 10.2170330000

Orte

Ahrensburg, Hamburg-Rahlstedt

GPS-Standort

53° 39' 4'' N, 10° 13' 1'' O

Periode(n) der Ur- und Frühgeschichte

Übergang des Jung- zum Spätpaläolithikum bis Ende des Spätpaläolithikums (12.600-9.600 v. Chr.); Vorrömische Eisenzeit (ca. 500 v. Chr.–0); Ältere Römische Kaiserzeit (ca. 50 v. Chr.–160 n. Chr.)

Literatur

  • Clausen, Ingo: Archäologische Untersuchungen im Ahrensburger Tunneltal archäologische Voruntersuchungen im Zuge des geplanten Bahnbaus S4 im Ahrensburger Tunneltal, Kreis Stormarn. In: Rahlstedter Jahrbuch für Geschichte & Kultur, Hamburg: Rahlstedter Kulturverein e.V, (2018), S. 96-102, GVK: 1040250726
  • Baales, Michael: Welt im Wandel Leben am Ende der letzten Eiszeit. Darmstadt, Theiss 2016, GVK: 867646519
  • Den Rentierjägern auf der Spur 50 Jahre Eiszeitforschung im Ahrensburger Tunneltal ; [eine Dokumentation zum 80. Geburtstag von Alfred Rust am 4. Juli 1980]. Neumünster, Wachholtz 1980, GVK: 025812386
  • Tromnau, Gernot: Die jungpaläolithischen Fundplätze im Stellmoorer Tunneltal im Überblick. In: Hammaburg: Vor- und Frühgeschichte aus dem niederelbischen Raum, Hamburg: Helms-Museum, N.F. Bd. 2.1975, S. 9-20, GVK: 34689851X

Weitere Literatur