Herrenhaus Nütschau

Das unter Heinrich Rantzau in den 1570er Jahren erbaute Herrenhaus ist das älteste erhaltene Herrenhaus Stormarns. Seit 1951 ist es Zentrum des Benediktiner-Priorats St. Ansgar, dem Kloster Nütschau.

Südfront mit Wintergarten, ca. 1955

Außenarchitektur

Das Herrenhaus besteht aus drei längsseitig aneinander gebauten, unterschiedlich breiten Giebelhäusern auf rechteckigem Grundriss von etwa 22 x 15 m. Über dem hohen, granitverkleideten Kellergeschoss liegen zwei Wohngeschosse aus geweißten Ziegeln unter mit roten Pfannen gedeckten Satteldächern. An den Giebelseiten sitzen eiserne Maueranker. Auf dem mittleren Dach befindet sich ein hölzerner, viereckiger Dachreiter von 1792 mit offener Laterne, welscher Haube und Kreuz auf der Spitze.

Der Haupteingang, die Klosterpforte, liegt am östlichen Anbau, der Nahtstelle zum Konventgebäude. Zwei an der Fassade des mittleren Hauses eingemauerte Granitplatten nennen den Bauherrn und seine Ehefrau Christine von Halle samt Jahreszahl 1577.

Zwei Reihen aus Birnbäumen führen von Norden her zum Herrenhaus und markieren die Lage ehemaliger Hofgebäude.

bemalte Deckenpaneele des 16. und 17. Jahrhunderts, 2007

Innenarchitektur

Zwei Hauptwände gliedern das Herrenhaus in allen Geschossen in drei Zonen. Ursprünglich lag die Saalzone im Mittelhaus, in den in je zwei Appartements geteilten Seitenhäusern lagen Wohn- und Schlafräume. Die heutige Einteilung entspricht der aktuellen Nutzung, mit einem Saal im Hauptgeschoss des mittleren Hauses.

Im Sockelgeschoss der Nordostecke befindet sich die zweigeschossige Eingangshalle mit frei eingestellter Aufzugsanlage und stählerner Wendeltreppe. In einer Nische sind hier Putzreste des 16. Jahrhunderts erhalten.

In der Eingangshalle sowie der gartenseitigen Enfilade im Hauptgeschoss wurden mit geometrischen sowie mit Blumenmustern bemalte Eichenholzdielen aus dem 16. und 17. Jahrhundert an den Decken eingebaut, die bei Renovierungsarbeiten entdeckt und deren Malschichten restauriert und ergänzt wurden.

Erhalten ist auch ein Kamin mit 13 gusseisernen Reliefplatten, die Szenen aus dem Leben Jesu Christi zeigen.

Portalstein des Erbauers Heinrich Rantzau von 1577, 1970

Geschichte

Um 1573 erwarb der Statthalter Heinrich Rantzau das Adlige Gut Nütschau und ließ anstelle eines kleinen Vorgängerbaus das Herrenhaus errichten. Ursprünglich war es von einem Wassergraben samt Zugbrücke umgeben. Das mittlere Haus besaß auf der Nordseite einen Erker, der wohl eine hier befindliche Hauskapelle markierte.

Zahlreiche Besitzerwechsel folgten sowie Modernisierungen, u. a. 1708/09 und 1792. Lorenz Booth ließ 1873 den bisher außermittigen Eingang in die Mitte der Nordseite verlegen. 1905/06 führte Rudolf Curtius weitere Modernisierungen durch, er ließ auch den östlichen Anbau für seine Bibliothek errichten. Umfangreiche Umbauten samt Neugestaltung der Eingangshalle und Einbau einer zweiläufigen Haustreppe im mittleren Haus führte um 1922 der Architekt Carl Mühlenpfordt für den Gutsbesitzer Bernhard Dräger durch.

Unter dem 1939 ausgewanderten, jüdischen Besitzer Leo Schuster befand sich hier 1936-1938 eine Ausbildungsstätte für jüdische Auswanderer. Nach dem Zwangsverkauf des Gutes an die Provinz Schleswig-Holstein wurde das Gebäude ab 1940 als Jugendheim zur „Fürsorgeerziehung“ genutzt, ab Herbst 1944 als Unterkunft für eine Gruppe der Nationalpolitischen Erziehungsanstalten (Napola) aus Westpreußen sowie als Lazarett. Von Herbst 1945-1950 befand sich hier erneut ein Heim für sogenannte schwererziehbare Jugendliche.

Nach einem Wiedergutmachungsverfahren verkaufte die frühere Besitzerfamilie Schuster Restgut und Herrenhaus 1951 an das katholische Bistum Osnabrück, das hier die Klostergründung initiierte. Provisorische Renovierungen folgten 1951/52, umfangreichere 1964-1967 unter dem Architekten Kurt-Karl Rohbra, u. a. die Entfernung des rückwärtigen Wintergartens. Nach Sanierungen 1975-1977 sowie 1982 wurde der Bau 1999-2006 durch die Architekten Gisberth Hülsmann und Elmar Sommer, die auch den Konventbau entworfen hatten, umfassend saniert, statisch in allen Ebenen gesichert und jüngere Umbauten zurückgebaut. Der Haupteingang wurde in den Anbau verlegt und das Treppenhaus neu gestaltet, die Bibliothek bezog das östliche Haus.

Bedeutung

Das Herrenhaus ist neben Schloss Glücksburg und dem Herrenhaus Schloss Ahrensburg eines von nur drei erhaltenen Dreihäusern in Schleswig-Holstein. Im Gegensatz zu den dortigen, in Glücksburg noch erhaltenen Wendeltreppen besaß es ein Schacht-Treppenhaus.

2006 eingeweihte zweigeschossige Eingangshalle, 2007

Nutzung

Das Herrenhaus ist zentraler Teil des Benediktinerklosters. Seit 2006 liegen hier u. a. der Kapitelsaal, ein internes Oratorium, Empfangs- und Besuchszimmer, sowie ein Teil der Bibliothek, das Klosterarchiv und Verwaltungsräume.

Ein repräsentativer Raum, der ehemalige Gartensaal im Hauptgeschoss, steht der Gemeinde Travenbrück für Trauungen sowie festliche Veranstaltungen zur Verfügung.

Bemalte Wandnische in der Eingangshalle mit original erhaltenen Putzresten aus der Bauzeit, 2007

Erhaltungszustand

Nach der 2006 abgeschlossenen umfangreichen Sanierung ist das Herrenhaus in einem guten Zustand.

Besonderheiten

Die Datierung für die Erbauungszeit ist nicht zweifelsfrei zu klären: Die beiden Granitplatten nennen die Jahreszahl 1577; laut dendrochronologischen Untersuchungen wurden die Hauptbalken zwischen 1570 und 1578 eingeschlagen.

Im Dachreiter hängt eine Glocke, die den Tagesablauf des Klosters durch Geläut anzeigt.

Persönlichkeiten

Heinrich Rantzau GND: 11898716X
Christine von Halle GND: 1155062795
Lorenz Booth
Rudolf Curtius
Bernhard Dräger GND: 116193727
Leo Schuster
Kurt Karl Rohbra GND: 11659716X
Gisberth Hülsmann GND: 188441212
Elmar Sommer

Datierung Schutzstellung

10.09.1968

Begründung Schutzstellung

Das gesamte Äußere des Herrenhauses einschließlich der Stiftertafeln an der Fassade ist aus geschichtlichen, wissenschaftlichen, künstlerischen sowie die Kulturlandschaft prägenden Gründen erhaltenswert.

Links

Artikel der Lübecker Nachrichten von 2004 zum Herrenhaus: https://www.kreis-stormarn.de/freizeit-und-tourismus/herrenhaeuser/nuetschau.html (Zugriff am 28.06.2020)

Virtueller Rundgang durch das Kloster: https://www.kloster-nuetschau.de/panorama/ (Zugriff am 16.08.2020)

Akte im Kreisarchiv Stormarn zum Entschädigungsverfahren von John Schuster https://www.kreisarchiv-stormarn.de/mediadb/?q=John+Schuster&b_id=&hasfile=1&hasfile_sent=1 (Zugriff am 06.10.2020)

14 400
Herrenhaus Nütschau business 53.8224420000 10.3268360000

Ort

Schloßstraße 30

23843 Travenbrück-Nütschau

GPS-Standort

53° 49' 20'' N, 10° 19' 36'' O

Auftraggeber

Heinrich Rantzau

Planer/Architekt

Renovierung 1964-67: Kurt-Karl Rohbra; Sanierung 1999-2006: Gisberth Hülsmann und Elmar Sommer

Errichtungsdatum

1577/78

Literatur

  • Lafrenz, Deert: Gutshöfe und Herrenhäuser in Schleswig-Holstein, S. 407-410. Petersberg, Imhof 2015, GVK: 776670891
  • Schulze, Heiko K. L.: Zwischen traditionellem Bauen und Übergang zur Neuzeit neue Erkenntnisse zur Baugeschichte des Herrenhauses Nütschau. Heide, Westholst. Verl.-Anst. , In: DenkMal!: Zeitschrift für Denkmalpflege in Schleswig-Holstein, Band 10 (2003), S. 77-88, GVK: 892103167
  • Rickert, Hans-Werner: Gut Nütschau vom Rittersitz zum Benediktinerkloster : eine Chronik. Kiel, Wachholtz Verlag - Murmann Publishers 2017, GVK: 895124459
  • Neuschäffer, Hubertus: Schlösser und Herrenhäuser in Südholstein e. Handbuch. Würzburg, Weidlich , GVK: 040136426
  • Behrens, Helmut: "Vom Herrenhaus zum Haus des Herrn" zur Sanierung des Herrenhauses Nütschau. In: DenkMal!: Zeitschrift für Denkmalpflege in Schleswig-Holstein, Heide: Westholsteinische Verl.-Anst. Boyens, Band 14 (2007), S. 82-86, GVK: 1011047489

Weitere Literatur